Wenn man den Fall Gurlitt für einen Moment aus der Distanz betrachtet, dann liest sich alles, was wir bislang darüber wissen, wie Literatur. Ein wunderlicher Alter, der jeden Abend mit seinen Bildern spricht, aber mit kaum einem Menschen. Der Gralshüter des Kunstschatzes seines Vaters, der in einer vollgerümpelten Wohnung auf den Tod wartet, wie eingeschlossen in eine Zeitkapsel, umgeben von Meisterwerken und Erinnerungen. Und der nun plötzlich an die Öffentlichkeit gezerrt wird, abgeschossen von Fotografen, beschattet von den Medien. Was für ein irrer Stoff für eine Novelle.

Nur ist dieser Fall eben keine Literatur, sondern Realität, deutsche Realität des Jahres 2013. Wieder einmal, und wie so häufig an völlig unerwarteter Stelle, schießt die NS-Vergangenheit mitten hinein in unsere Gegenwart. Nicht wenige der rund 1400 Bilder, die der 80-jährige Cornelius Gurlitt in seiner Münchner Wohnung gehortet hat, stammen aus Raubzügen der Nazis. Das macht diesen bizarren Fund so heikel. Denn hier geht es nicht nur um einen alten Mann und seine Bilder, es geht um Recht und Moral, um den Umgang mit deutscher Schuld, letztlich um die große Frage, wer wir sein wollen, als Individuen und als Gesellschaft.

Und weil das alles so verwickelt ist und historisch extrem aufgeladen, ist nicht nur das Interesse riesig, zumal in den deutschen und den amerikanischen Medien, es geht auch vieles durcheinander. Es werden, wie immer in solchen Fällen, Fehler gemacht. Furcht, Inkompetenz und Geheimniskrämerei verknoten sich, sodass alles nur noch schwieriger und verwickelter wird.

Dabei sind ein paar der Fragen, die es zu klären gilt, eher banal, wenn auch nicht einfach zu beantworten. Was, zum Ersten, ist diese Sammlung eigentlich wert, finanziell und kunsthistorisch? Vieles, was da bislang zu sehen war, sieht ziemlich mittelmäßig aus. Wie viele der Werke, zum Zweiten, stammen aus NS-Raubzügen? Welche nicht? Und wieso hat die Staatsanwaltschaft ausnahmslos alle Bilder aus der Wohnung von Gurlitt geholt und eingelagert? Man wüsste schon gern, was dafür die Rechtsgrundlage ist. Gibt es überhaupt eine? Oder sollte, irgendwie unausgesprochen, die Regel gelten, die Rechte des Herrn Gurlitt seien nicht gar so wichtig, weil ja manche der Bilder zu Unrecht in seinem Besitz sein könnten?

Noch weitaus schwieriger – und wichtiger – ist allerdings die Beantwortung der Frage, wem die Bilder zustehen: Wer hat darauf juristische Ansprüche, wer historisch-moralische, und wie verhalten sich diese Ansprüche zueinander? Was ist verjährt? Was hat sich Gurlitt womöglich "ersessen"? Das in jedem Einzelfall zu klären wird Heerscharen von Anwälten und Provenienzforschern beschäftigen, und es wird nicht Wochen oder Monate dauern, sondern Jahre.

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT erklärt der Historiker Götz Aly, wie sich die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg Kunstwerke aneigneten. Tobias Timm stellt die Frage nach dem Wert der Sammlung.

Wahr ist aber auch: Das juristische Detail ist vertrackter als das politische Prinzip. Denn die Debatte um den richtigen Umgang mit NS-Raubkunst ist ja nicht neu, sie hat immer wieder die Öffentlichkeit bewegt, vielleicht am spektakulärsten 2006 beim Streit um Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszene von 1913. In der sogenannten Washingtoner Erklärung von 1998 hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, ganz grob gesagt, Kunstwerke aus ehemals jüdischem Besitz in der Regel an die Opfer und deren Erben zurückzugeben, moralische Erwägungen über juristische Einwände zu stellen und so das NS-Unrecht, wo immer möglich, wenigstens ein klein wenig zu korrigieren.