Nordrhein-Westfalen hat bislang ein Hochschulgesetz, das die "Freiheit" im Namen trägt. Unis dürfen über ihren Haushalt, ihr Studienangebot und Personal selbstverantwortlich entscheiden. Sie tun das bislang recht erfolgreich: Die Hochschulen haben viele neue Studienplätze geschaffen, sie sind attraktiv für Studenten mit unterschiedlicher Herkunft, sie reüssieren in der Forschung. In der Exzellenzinitiative etwa hat NRW neben Baden-Württemberg die meisten Mittel eingeworben. Um das Hochschulfreiheitsgesetz, das 2006 von dem damaligen FDP-Minister Andreas Pinkwart eingeführt wurde, werden die Hochschulleiter in NRW von ihren Kollegen in anderen Bundesländern beneidet.

Jetzt möchte das rot-grüne Kabinett in Düsseldorf jedoch, dass die Unis lieber an die "Zukunft" denken. Weniger an ihre eigene, mehr an die des Landes. In der vergangenen Woche hat die Landesregierung einen Entwurf für ein Hochschulzukunftsgesetz verabschiedet – und damit einen großen Schritt zurück in die Vergangenheit getan.

Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) hat auf 355 Seiten in Paragrafen gefasst, was sie zu Anfang ihrer Amtszeit bereits angekündigt hatte: die Hochschulen "stärker an die Kandare" nehmen zu wollen. Die Unis sind ihr zu frei, sie möchte als Ministerin wieder mehr zu sagen haben.

So will sie künftig darüber entscheiden, welche Studiengänge wo angeboten werden. Ihr Ministerium behält sich das Recht vor, einzelnen Fachbereichen das Promotionsrecht zu entziehen. Die Hochschulen sollen einen jährlichen Rechenschaftsbericht abliefern, sie sollen alle Drittmittelprojekte offenlegen und Stiftungsprofessuren nach Düsseldorf melden. Für die Führungsgremien gilt eine 40-prozentige Frauenquote. Kurz: Das Land will mehr vorschreiben, mehr bestimmen, mehr planen – alles zum Wohle der Gesellschaft, wie Schulze betont. Zum Wohle der Unis eher weniger. Sie sollen wieder zu nachgeordneten Behörden werden. Das Paragrafenwerk trägt stark paternalistische Züge und ist geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber den Hochschulen: Der Entwurf suggeriert, sie könnten mit ihrer Freiheit nicht umgehen, der Staat müsse regulierend eingreifen. Ein Beweis dafür fehlt.

Die Tendenz dazu gibt es auch in anderen Bundesländern. In Baden-Württemberg hat das grün-rote Kabinett ebenfalls ein neues Hochschulgesetz vorgelegt, das dem Land mehr Mitbestimmung sichert. Doch Ministerin Theresia Bauer (Grüne) war immerhin so klug, das vorher mit den Hochschulen so abzustimmen, dass die sich nun nicht alle vor den Kopf gestoßen fühlen.

In NRW wurde über zwei Jahre lang über ein neues Hochschulgesetz diskutiert, zeitweise wurden Hochschulleiter im Wochenrhythmus nach Düsseldorf ins Ministerium zitiert. Und jetzt lesen sie einen Entwurf, in dem sich praktisch nichts von dem wiederfindet, was sie gesagt haben.

Kein Wunder, dass die Unis an Rhein und Ruhr empört sind. Sie ärgern sich nicht allein über den Inhalt, den Tenor, die Vorschriften, sondern auch über das Verfahren und den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Gerade erst haben sie den Ansturm des doppelten Abiturjahrgangs gut bewältigt, da setzt ihnen Ministerin Schulze einen solchen Entwurf vor. "Unangebracht" nennen das die Uni-Rektoren in einer gemeinsamen Erklärung. Das ist noch vorsichtig formuliert.