Berlin, Prenzlauer Berg, ein Zettel an der Pinnwand einer kleinen Bäckerei: "Wir suchen für unsere Krabbelgruppe noch ein Kind mit Migrationshintergrund." In den renovierten Altbauten nebenan wohnen viele Akademikerfamilien, es gibt in den Nachbarstraßen zwei Eltern-Kind-Cafés, drei Ballettschulen und viele Bioläden. Kopftuchmütter sieht man hier nie.

Berlin, Kreuzberg, eine Begegnung auf einem Kinderbauernhof: "Das war heute unser letzter Besuch", schimpft eine Mutter mit einem kleinen Mädchen an der Hand. "Ich will nicht, dass meine Tochter Dealern bei der Arbeit zusieht." Der Hof liegt im Görlitzer Park, bekannt geworden durch die meist dunkelhäutigen Cannabisverkäufer, die an den Eingängen stehen und Besucher ansprechen. Viele sind Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis. Lange hielten die Anwohner still. Inzwischen melden sich vor allem Eltern zu Wort, sie verlangen mehr Kontrollen. Sie wollen ihren Park zurück.

Zwei Schauplätze in Berlin, zwei Reaktionen, zwei unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage: Wie halten wir es mit Fremden? Wie offen, wie gastfreundlich sind wir gegenüber Menschen, deren Familien nicht aus Deutschland stammen? Im Privatleben ist die Antwort einfach, sie lautet: Es kommt darauf an – ob Menschen sich an Regeln halten, ob sie unser Leben womöglich ein bisschen besser machen. Manchmal ist entscheidend, wie sehr sie unsere Hilfe brauchen. In jedem Fall wägen wir ab.

Die öffentliche Debatte über Flüchtlinge und Migranten funktioniert nach einem anderen Muster. Danach dürfte es eigentlich gar keine unterschiedlichen Reaktionen auf krabbelnde Kinder und Dealer geben – weil nämlich Religion, Kultur, Aussehen sowie ein diffuses Gefühl von "Fremdheit" darüber entscheiden, wen die Deutschen willkommen heißen und wer ausgegrenzt wird. Der islamistische Terror hat den Blick auf Türken und Araber im eigenen Land verändert. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September sprechen deutsche Politiker über Integration meistens, als verliefe die gesellschaftliche Trennlinie, die überwunden werden müsste, zwischen Christen und Muslimen. Mehrere Bundesinnenminister luden zu Islamkonferenzen ein, der frühere Bundespräsident Christian Wulff wollte die Integration vorantreiben, indem er behauptete, der Islam gehöre zu Deutschland.

Tatsächlich sind aber soziale und ökonomische Faktoren oft mindestens so entscheidend wie kulturelle. Der syrische Ingenieur oder der Zahnarzt aus Afghanistan ist als Nachbar oder Kollege meistens wohlgelitten, egal, ob er vor dem Einschlafen im Koran, in der Bibel oder nur in einem Krimi liest. Andererseits ist es kein Ausdruck von Islamophobie, wenn Menschen um eine aggressiv wirkende Clique junger Türken auf einem öffentlichen Platz lieber einen Bogen machen. Die Reaktion auf atheistische deutschstämmige Skinheads, die abends an Brandenburger Tankstellen herumhängen, ist schließlich ganz ähnlich.

Es wäre daher an der Zeit, in der Integrationspolitik weniger über Religion und häufiger über Ressourcen zu sprechen – und sie dann mit kühlem Ökonomenblick neu auszurichten. Nötig wäre eine neue Einwanderungspolitik, mit klaren Regeln, die man für richtig halten oder ablehnen kann.

Wer nützt uns, und wer schadet uns? Diejenigen, die keine Fremden mögen, haben diese Frage immer schon gestellt. "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg", hieß es früher am Stammtisch, und mit einer ähnlichen Tonlage hat die Alternative für Deutschland (AfD) gerade recht erfolgreich Wahlkampf gemacht. Sie warnte zwar nicht vor Konkurrenz um Jobs, aber vor Zuwanderung in die Sozialsysteme. Da kommen viele Ausländer aus Südosteuropa, lautete die heimliche Botschaft, und leben auf eure Kosten von Hartz IV. Wie verbreitet diese Sicht ist, zeigte Ende vergangenen Jahres eine Emnid-Umfrage, wonach 64 Prozent der Deutschen fürchten, eine verstärkte Zuwanderung führe zu höheren Ausgaben der Sozialämter und der Arbeitslosenversicherung. Die AfD gewann auf den letzten Metern enorm viele Protestwähler für sich, vor allem aus dem Reservoir der Linkspartei.

Fremdenfeindlichkeit, zeigt das, ist nicht gleichzusetzen mit Rassismus, sondern kommt oft im Gewand des Ressourcenkampfes daher. Schon der Bestseller des früheren Bundesbank-Vorstandes Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab) war nicht nur ein ressentimentgeladenes Pamphlet, sondern auch eine Sammlung scheinbar objektiver volkswirtschaftlicher Analysen.

Woran scheitert Integration, bei uns und anderswo? Für Ökonomen ist nicht erstaunlich, dass auch Länder mit langer liberaler Tradition wie Dänemark oder die Niederlande so anfällig für Rechtspopulismus sind. Es gibt dafür eine schlichte, bestechende Erklärung: Die Widerstände steigen, je mehr es von staatlicher Seite zu verteilen gibt. Mit dem Umfang der garantierten Sozialleistungen wachsen demnach die Vorbehalte gegenüber Fremden, die davon womöglich ohne eigene Leistung profitieren. Umgekehrt fällt es den Vereinigten Staaten leichter, Zuwanderer ins Land zu lassen, weil neue Staatsbürger weniger Ansprüche an den Staat reklamieren können. Wenn vom Staat wenig umverteilt wird, wird vom Bürger auch seltener Sozialschmarotzertum unterstellt.