Matteo Renzi © Stefano Rellandini/Reuters

DIE ZEIT: Sie sind ein großer Bewunderer von Barack Obama. Leider werden die von ihm geweckten Hoffnungen nach und nach enttäuscht. Auch auf Ihnen lastet eine schwere Bürde: Sie sollen Italien retten, zumindest aber die italienische Linke.

Matteo Renzi: Natürlich besteht die Gefahr, übertriebene Hoffnungen zu wecken, aber absurderweise hat Italien heute das gegenteilige Problem: Trotz seines großen Potenzials ist Italien ein hoffnungsloses Land. Deshalb ist es mir lieber, die Hoffnung hochzuhalten, als mich im schwarzseherischen Zynismus zu suhlen, wie es die Politiker hierzulande bedauerlicherweise mit Hingabe tun.

ZEIT: Wie äußert sich dieser Zynismus?

Renzi: Da ist zum Beispiel dieser dämliche Satz: "Wir wollen nicht wie die Griechen enden." Wir werden nicht wie die Griechen enden! Zwar hat Italien harte Zeiten durchgemacht, die noch immer nicht überwunden sind, aber Italien ist die Manufaktur Europas. Der wahre Grund für die Krise ist, dass wir zu wenig Ehrgeiz haben und nicht in der Lage sind, Probleme anzupacken, die uns seit 30 Jahren umtreiben: Bürokratie, Steuern, Steuerhinterziehung und Justiz. Unsere Politiker weigern sich, dabei würde das schon reichen, um Italien wieder zum Laufen zu bringen.

ZEIT: Ist das nicht ein chronisches Übel Italiens?

Renzi: Wenn wir an der Überzeugung festhalten, dass sich immer nur die anderen ändern müssen, dann ja. Ich sage ja nicht, dass wir alles über den Haufen werfen sollen. Wir müssen die Menschen verändern. Die Politiker müssen die Zahl der Politiker reduzieren. Weg mit den Provinzen! Weg mit dem Senat! Die Politik muss auf Diät, und die Bürokratie gleich mit! Als Bürgermeister treiben mich die Vorschriften und Richtlinien an manchen Tagen schier in den Wahnsinn.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

Renzi: Um eine Tiefgarage in Florenz zu bauen, brauchte es 38 Monate bis zur Genehmigung und weitere 18 Monate bis zur Umsetzung.

ZEIT: Ist das nicht eher eine Vorsichtsmaßnahme, um in Florenz mögliche Kulturschätze unter der Erde zu schützen?

Renzi: Ach was! Es geht um eine Tiefgarage im hintersten Winkel der Stadt. Wenn man in die Zuständigkeit der Denkmalämter gerät, kann man gleich einpacken. Aber selbst in einer x-beliebigen Stadt, die nicht über besondere Kulturschätze verfügt wie Florenz, sind bei öffentlichen Ausschreibungen mehr Anwälte als Maurer beschäftigt.

ZEIT: Warum sollten die italienischen Politiker eine radikale Systemänderung vornehmen, mit der sie sich zum Teil selbst abschaffen würden?

Renzi: Weil sie keine andere Wahl haben, sonst geht das Land vor die Hunde. In der Krise ist die Arbeitslosigkeit von 6,7 auf 12,4 Prozent gestiegen. Auch wenn es paradox klingen mag: Ich bin begeistert vom Veränderungsdruck, der aus der Krise kommt – jetzt oder nie!

ZEIT: Von außen betrachtet, sind es aber nicht nur die Politiker, die das Land lähmen. Es sind auch die starken Berufsstände, von den Taxifahrern bis zu den Notaren.