Eine Eckkneipe im noch fast nicht gentrifizierten Berliner Wedding. Sie hat für ein Uhr zum späten Frühstück bestellt, einfach weil der Vormittag keine kultivierte Zeit ist und der Mensch ausschlafen muss. Am morgigen Sonntag bekommt sie den Kleist-Preis verliehen: Katja Lange-Müller, 62, die Ur-Berlinerin (in Ost-Berlin aufgewachsen, seit 1984 in West-Berlin), eine Art Grand Mère der Ost-Intelligenz. Sie schreibt nicht gerade schnell (ihr letzter Roman Böse Schafe erschien 2007). War je eine deutsche Schriftstellerin Rock 'n' Roll, dann sie – so rau, präzise und unsentimental ihre Sprache, so viel gerühmt ihre Trink- und Rauchfestigkeit. Mit ihrer Berliner Schnauze kann sie ganze Kneipenrunden unterhalten.

Rührei mit Würstchen. Die Zigarettenpackung liegt auf dem Tisch. Spannung, wie lange sie sitzen bleiben kann, ohne eine zu rauchen. Wie geht’s ihrer Heimat, dem alten Wedding? Sie erzählt von Zigeunerlagern an der Nazarethkirche und zitiert einen Spruch, der auf der Speisekarte steht: "Der Wedding kommt – anders." Und gerät ins Schwärmen über die original Berliner Sauflöcher und Eckkneipen: "Hier gibt es sie noch, die echten Pressluftschuppen. Die heißen dann Storchennest, Das kleine Versteck, Die faule Biene, Das weiße Ferkel und Bei Mario und werden geführt von einer Sächsin und einem Araber, die sich im feindlichen Missverständnis zugetan sind." Klingt gleich gut, was sie da erzählt. Was kann man vom waschechten Prolo, sofern es ihn noch gibt, lernen? "Witz." Katja Lange-Müller erklärt: "Die Armen beklauen immer nur die anderen Armen. An die Reichen ist immer so schlecht rankommen, wissen Sie." Sie guckt herausfordernd, ob ihre Sätze ihre Wirkung tun. Tun sie. Krass. Die große Schriftstellerin spricht so krass berlinerisch wie eine Berliner Busfahrerin.

Offensichtlich ist, dass sie zum Abend hin noch mal ganz anders in Schwung kommt – wir stellen jetzt die Fragen, die kein Mensch vor 22 Uhr beantworten kann: Gibt’s das, einen Sozialismus mit einem menschlichem Antlitz? Jetzt explodiert sie fast: Waaaas? Wat? "So ein Scheiß", sagt Katja Lange-Müller mit dem guten Grimm derjenigen, die etwa zehn Minuten zu lange keine mehr geraucht hat. Glaubt sie an die kommende starke Frau der SPD Hannelore Kraft? Sie sucht nach Worten. Das Glauben habe sie ganz aus ihrem Wortschatz gestrichen. Anstrengende Sache: Beim Sprechen und Zuhören betreibt sie immer auch Sprachkritik. Das Wort "überlegen" etwa lehnt sie ab, weil darin das Wort "Überlegenheit" stecke. Kann sie einen politischen Satz denken? "Nur als Kalauer: Macht macht nichts."

Mit ihr, der Schriftstellerin, über deutsche Literatur reden. Wer ist das, dieser Adolf Endler, von dem sie immer wieder spricht? Sie ist überrascht, dass man so offen ahnungslos fragt. "Vor allem ein großer, großer Dichter. Und ein großer Anarchist." Neben Clemens Meyer, der wirklich Gas gibt: Ist die deutsche Gegenwartsliteratur zu brav? "Der Meyer hält den Stab der großen Empiriker wie Wolfgang Hilbig hoch. Das macht er gut." Dann hat sie Lust, über den Schreiber Kleist viele schöne und leidenschaftliche Sätze zu sagen.

Jetzt mufft es. Diese Berliner Eckkneipen! Am Tresen wird schon Bier gezapft. Sieht sie sich als Punk? "Der Punk von der Panke, dem Fluss, der unterirdisch durch den Wedding fließt: Das ist okay." Fasst sie das Wort Kellerassel für sich als Kompliment auf? "Als Assel darf einen natürlich nur derjenige bezeichnen, der selber eine Assel ist." Schön. Sie tritt vors Lokal. Eine rauchen. Schön abhusten. Mit der Kleist-Preis-Trägerin haben wir dann noch eine Runde durch die Pressluftschuppen im Wedding gedreht.