Man glaubt gern, dass es auch um Menschliches ging. Man kann sich gut vorstellen, dass die beiden Freunde Schönheitstipps oder gar die Adressen von Schönheitschirurgen austauschten. Hier fanden sie wohl auf Anhieb eine Gemeinsamkeit. Eine andere lag in ihrem Beruf. Beide waren Regierungschefs von Ländern, die ans Mittelmeer grenzen. Pikanterweise fiel der Höhepunkt ihrer Freundschaftsbekundungen mit dem finanzieller Transaktionen zusammen. Im Jahr 2009 schmusten sie auf jedem Foto. Im Jahr 2009 wechselten fünf Milliarden Euro von einem Konto des italienischen auf ein Konto des libyschen Staates. Muammar al-Gaddafi und Silvio Berlusconi, im Hang zu stilistischer Schrillheit tatsächlich prächtig harmonierend, besaßen ein nicht minder prächtiges Talent, das Bild der showhaften, durch Strategie und Vorteilsgier verdorbenen Männerfreundschaft auf die parodistische Spitze zu treiben. "Mio amico!", rief Gaddafi in jedes Mikrofon, wenn es um Berlusconi ging. Und jeder wusste, dass das Quatsch ist.
Nun fällt die Männerfreundschaft ganz generell leicht unter den Verdacht der Unglaubwürdigkeit. Sie steht, anders als die Frauenfreundschaft, schnell im Ruf, sich nicht in der Begegnung zweier Seelen zu erfüllen, sondern in Zweckinteressen eingespannt zu sein: Politik, Geld, Karriere. Sie entwerten die Freundschaft zur Kungelei, zur Seilschaft, zum Machtbündnis. Kohl und Strauß, Lafontaine und Schröder – wer glaubte je, dass sie echte Freunde waren, obwohl sie sich mitunter so nannten. Der Journalist Tobias Rüther veröffentlichte kürzlich das Buch Männerfreundschaft, in dem er sie emphatisch zu rehabilitieren und dem Vorurteil des Seelenlosen zu entreißen sucht. Als er es schrieb, konnte er die Aktualität des Themas kaum erahnen. Denn just in diesen Tagen steht in Hannover die Moralität der Männerfreundschaft vor Gericht.
Christian Wulff, ehemaliger Bundespräsident und der Vorteilsannahme beschuldigt, führt als Argument seiner Verteidigung das rein Persönliche der Freundschaft mit dem Filmproduzenten David Groenewold ins Feld. In seiner Rede im Schwurgerichtssaal fiel der Satz: "David Groenewold ist mein Freund." Dies meint: Weil David und ich uns von Herzen mögen, weil wir uns menschlich so nah sind, dass er als einer der Ersten das Ultraschallbild meines ungeborenen Sohnes zu sehen bekam, muss sein spendabler Beitrag zur Finanzierung eines Oktoberfest-Trips (es geht um 753,90 Euro) als ganz normale Geste einer ganz normalen Freundschaft gelten. Als nettes Geschenk ohne Hintergedanken. Stimmt das? Und welche Idee der Männerfreundschaft vermittelt sich eigentlich in Wulffs Satz?
Ihr Beginn fällt in das Jahr 2003. Wulff ist seit Kurzem Ministerpräsident von Niedersachsen. Er besucht die Premiere des von Groenewold produzierten Sat.1-Films Das Wunder von Lengede. So lernen sie sich kennen. Zwei Männer, die sich im Lebensalter (Wulff ist 44, Groenewold 30), vor allem aber in Sozialisation und Lebensweise erheblich unterscheiden. Groenewold, Sohn eines Filmfinanziers, Schüler eines Elitegymnasiums, Student der London School of Economics, Praktikant der Letterman-Show in New York, ist der Prototyp des weltgewandten Machers und illustren Kontakters. Ein Mann, dem die Society liegt, das Genießerische, auch das Großspurige. Und Wulff? Schule in Osnabrück, Studium in Osnabrück, Anwaltstätigkeit in Osnabrück. Eine Jugend in bürgerlichen, aber höchst belastenden Familienverhältnissen. Als 16-Jähriger übernimmt Christian Wulff die Pflege seiner vom Stiefvater verlassenen, an multipler Sklerose erkrankten Mutter und die Vaterrolle für die jüngere Schwester. Was Groenewolds Biografie großzügig gewährt, scheint der Christian Wulffs zu mangeln: Spielräume des Bedenkenlosen. "Wir hatten auch Spaß miteinander", sagt Wulff vor Gericht. Spaß, den Groenewold ihm, dem Laufbahnpolitiker aus der Provinz, an dem das Image verklemmter Biederkeit klebt wie Pech und Schwefel, nun offeriert: Urlaube auf Sylt, Partys, Galabesuche, Diners zu Ehren des Ministerpräsidenten.
Es gibt überhaupt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass all dies von Gefühlen echter Zuneigung getragen wurde. Aber das Verständnis von Freundschaftsdienst und Freundschaftssorge, das sich zwischen Wulff und Groenewold entwickelte, darf man schon bezweifeln. Wenn ein Ministerpräsident und ein Filmproduzent sich so lieb und teuer sind, wie Wulffs Satz behauptet, dann haben sie den empfindlichsten Aspekt ihrer Verbindung ganz besonders scharf im Auge: den Verdacht möglicher Mauschelei und Kungelei. Dann lässt der Unternehmer den Politiker lieber in der Jugendherberge übernachten, als ihm den Aufschlag für ein luxuriöseres Hotelzimmer zu spendieren. Und der Politiker hält größtmöglichen Abstand zu jenen Belangen des Filmgeschäfts, die das Unternehmertum seines Freundes berühren. Dann tragen sie, anders gesagt, größte Sorge, dass der andere niemals in die scheußliche Situation gerät, in der Wulff sich augenblicklich befindet – vor Gericht.
Seltsames Nebeneinander von Begehrlichkeit und Anspruchslosigkeit
Nein, eine Freundschaft im Gaddafi-Stil hat sich zwischen Hannover und Berlin garantiert nicht zugetragen. Eine Männerfreundschaft im Sinn ihres kulturgeschichtlichen Ideals aber auch nicht. Und dieses ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Folgt man Michel de Montaigne, der seinem verstorbenen Freund Etienne de la Boetie mit dem 1592 veröffentlichten Essay Von der Freundschaft ein bewegendes Denkmal setzte, dann ist dieses soziale Modell jedem anderen überlegen, auch der Ehe. Weil es auf reiner Freiwilligkeit beruht, weil kein Vertrag, kein familiäres Band seine absolute Zweckfreiheit relativiert. "Eine Seele in zwei Körpern", heißt es bei Montaigne über das Siamesische der Männerfreundschaft, deren Sinnbild sich oft in Geschichten des Reisens findet. Tom Sawyer und Huckleberry Finn schippern auf einem Floß den Mississippi hinunter, Bruno und Robert fahren im Auto in Wim Wenders’ Film Im Lauf der Zeit die deutsch-deutsche Grenze ab, Maik und Tschick in Wolfgang Herrndorfs Roman durch die Landschaft. Zwei Männer ganz für sich in einem Gefährt: eine ziemlich perfekte menschliche Beziehung. Erst wenn man sich dieses außerordentlich hohe Ideal vor Augen führt, wird klar, weshalb gerade die Männerfreundschaft eine so außerordentliche Fallhöhe besitzt, so anfällig ist für den Verdacht der Zweckentfremdung. Sie soll kein Mittelding, nichts Vermischtes sein. Genau das aber, diese unklare Vermischung von Motiven, von Spaß und Zweck, von Vertrauen und kleinen oder klitzekleinen Vorteilen, fällt bei Wulff und Groenewold schon irgendwie ins Auge.
Zumindest in einem Punkt gleicht die Freundschaft der Liebe: Es tut ihr gut, nach außen hin ein Geheimnis zu bewahren und ihren intimen Kern zu hüten, was bei Personen des öffentlichen Lebens bedeuten mag, dass der rote Teppich, das Promirestaurant, die Urlaubsziele der Schickeria nicht die gedeihlichsten Orte des Freundschaftslebens sind, zu denen es Wulff und Groenewold aber doch hinzog. Mathias Döpfner und Christian Thielemann, der eine Springer-Chef, der andere Dirigent und wohl eng miteinander befreundet, gehen leidenschaftlich gern zusammen wandern – in Masuren.
Es gibt ein bestimmtes Motiv, das sich durch Wulffs Geschichte zieht: Das seltsame Nebeneinander von Begehrlichkeit und Anspruchslosigkeit. Er wirkt begehrlich, was Karriere und die Teilhabe am sogenannten guten Leben, anspruchslos, was seine Persönlichkeit betrifft. Man wünscht diesem Christian Wulff so einiges: ein paar Kilo mehr auf den Rippen, die Rückkehr in ein angemessenes Amt, eine möglichst gelassene Betrachtung seines Prozesses durch die deutsche Öffentlichkeit. Und einen anspruchsvolleren Begriff von der Moralität der Freundschaft.
Kommentare
Verkehrung der Wulff'schen Verteidigung
Moderne Gesellschaften und damit der Einzelne bewegen sich erwiesenermaßen stets ausschließlich gemäß sozioökonomischen Gesetzen. Ihn an moralischen Erwägungen zu messen, verletzt daher bereits besagte Gesetzmäßigkeit um des eigenen Vorteils willen. Fügt sich eine auf diese Weise verstandene Männerfreundschaft nicht dieser Universalität, kann sie deshalb mit Fug und Recht als Klüngelei bezeichnet werden. Insofern stellt Herr Wulff in seiner Verteidigungsrede vor Gericht keinesfalls auf Letzteres, sondern einzig auf Ersteres ab. Ihm daraus einen Vorwurf zu machen, könnte nicht einfältiger sein.
Das Problem sind nicht die Männerfreundschaften
und schon gar keine Freundschaften, sondern der häufig gerechtfertigte Verdacht der "Amigo-Beziehungen", Vetternwirtschaft und Klüngelei. Wieso gibt es sonst tausende von Lobbyisten und hunderte von Lobbyverbände wenn sich diese zutiefst undemokratische Einflussnahme nicht lohnt oder nicht passiert? Demokratie hat wenig oder nichts mit Reden und Debatten über demokratische Prinzipien wie Freiheit oder Rechtsstaatlichkeit zu tun, sondern vor allen Dingen mit der selbstverständlichen Umsetzung und Gewährleistung dieser Prinzipien.
Faktencheck
1.
Dann lässt der Unternehmer den Politiker lieber in der Jugendherberge übernachten, als ihm den Aufschlag für ein luxuriöseres Hotelzimmer zu spendieren.
Nein, Frau März, das luxuriösere Hotelzimmer verdankt Wulff der Geschäftsführerin des Bayerischen Hofes, die die Wulffs vom Doppelzimmer in eine der Suiten umplatziert hatte.
2.
muss sein spendabler Beitrag zur Finanzierung eines Oktoberfest-Trips (es geht um 753,90 Euro) als ganz normale Geste einer ganz normalen Freundschaft gelten.
Nein, Frau März, man könnte meinen, sie verfolgten den Prozess nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit, wenn Sie Wulffs Einlassung in dieser Form wiedergeben.
Die Kosten für das Kindermädchen will Wulff umgehend in bar erstattet haben, von Groenewolds Beteiligung am Hotelzimmer will er nichts gewusst haben, und eine Beteiligung an einem von Groenewold am Vorabend des Oktoberfestes bezahlten Abendessen (Cosmo Tidbits, Chateaubriand etc.) bestreiten sogar beide Wulffs. Als ganz normale Geste einer ganz normalen Freundschaft kann Wulff somit nur die Einladung ins Käferzelt zu Hendl, Radieschen, Wasser und alkoholfreiem Bier bezeichnet haben. Was daran nicht normal sein sollte - zumal Groenewold ein halbes Jahr zuvor Gast bei Wulffens Hochzeit war - erschließt sich mir nicht. Und damit fällt ihr langer Sermon in sich zusammen.