Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der norwegischen Premierministerin Erna Solberg in Berlin, November 2013 © John MacDougall/AFP/GettyImages

Im Rathaus von Oslo und auf dem Trafalgar Square in London glitzert der Dank von Gestern. Da wäre eine Messingplakette der britischen Admiralität; gewidmet der Völkerfreundschaft, die "in den Prüfungen des Krieges und den Triumphen des Sieges" geschmiedet wurde. Und dann noch der haushohe Weihnachtsbaum, den die Norweger seit 1947 jedes Jahr nach England verschiffen.

Es war nur natürlich, dass sich die Skandinavier nach dem Krieg politisch wie kulturell an die angelsächsischen Siegermächte hielten. Auf einem englischen Kriegsschiff entkam die norwegische Königsfamilie 1940 der deutschen Besatzung. Und mit ihren eigenen Marineschiffen unterstützten die Norweger von Großbritannien aus den Kampf gegen die Hitler-Marine. Diejenigen, die daheim, auch in Dänemark und Schweden, eifrig kollaborierten, pflegten später ein eigenes, nicht minder starkes Interesse an einem Partnerwechsel.

Nun ist das alles lange her. Pragmatisch allerdings denken die Skandinavier noch immer. Weshalb sie es auch heute wieder nur natürlich finden, dass sich ihre strategische Ausrichtung dreht. Ob in Oslo, Stockholm oder Kopenhagen, das außenpolitische Hauptinteresse der Nordländer gilt mittlerweile dem neuen europäischen Gewinnerland: Deutschland. Schon die beiden vorigen norwegischen Ministerpräsidenten unternahmen ihre erste Auslandsreise nicht, wie früher üblich, nach London, sondern nach Berlin, so wie gerade die frisch gewählte Osloer Regierungschefin Erna Solberg. Eine ganze Riege von skandinavischen Außenpolitikern hat ihre Zuneigung kürzlich in ein Buch gegossen, Die Wiederentdeckung Deutschlands . Das Interesse am großen Nachbarn, liest man da, sei ja eigentlich gar nicht neu sei, sondern sehr alt. Eine historische Normalisierung sozusagen.

Wie viel Verbindendes schließlich gab es lange vor Adolf Nazi. Die Hanse. Den Lutherismus. Die nordische Romantik. Und heute erst: Kann es überhaupt einen skandinavischeren Politikstil geben als die vom Ende her denkende Moderation à la Merkel?, fragen nordische Politiker. Die skandinavische Jugend, für die Berlin längst das Lebenslabor geworden ist, wundert sich derweil, ob noch enger verwandte Mentalitäten zwischen Leuten denkbar sind, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Aus Sicht unserer nördlichen Nachbarn, kurzum, wächst in Europa gerade ein zweites Mal zusammen, was zusammengehört.

Und genau da beginnt das Ganze der Bundesregierung Angst zu machen.

Offenbar will Berlin jede Geste vermeiden, die als Wiederbelebung eines protestantischen Nordeuropas gedeutet werden könnte. Als sich im vorvergangenen Jahr die nordischen Außenminister trafen, um über die neue Bedeutung Deutschlands zu reden, kam nur einer nicht dazu: der deutsche. Leicht errötend kolportieren Berlins Diplomaten, es gäbe nordeuropäische Kollegen, die nach dem zweiten Glas Aquavit fragten, ob sich Deutschland nicht ein bisschen, ein kleines bisschen nur, von Frankreich lösen wolle. Nein, da sollten die sich keinen Illusionen hingeben!, heißt es. Deutschland wisse, wem es Partnerschaft schulde, historisch wie ökonomisch.

Ja, mon Dieu. Entspannen wir uns mal. Es soll durchaus möglich sein, Freunde in verschiedenen Himmelsrichtungen zu haben. Natürlich wird und soll Deutschland nichts unternehmen, was ein europäisches Schisma entlang vermeintlich diszipliniert-protestantischer und vermeintlich undiszipliniert-katholischer Regionen fördern könnte. Aber wenn es so etwas gibt wie Wirtschaftskulturen und innerhalb derselben so etwas wie unterschiedlich stark ausgeprägte Prioritäten fiskalischer Überlegungen, dann, vorsichtig gesagt, hat Deutschland in den Nordländern nicht die schlechtesten Verbündeten. Das gilt auch, wenn nicht alle davon Mitglieder der EU oder des Euro sind. Es argumentiert sich dann bisweilen freier.

"Wo in Europa finden die Deutschen denn ihre besten Freunde und Mitspieler?", fragt der norwegische Diplomat Sverre Jervell zurück, der die Konferenz der Außenminister organisierte. "Ist das wirklich Frankreich? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht muss man einsehen, dass einige der wichtigsten Partner der Zukunft die skandinavischen Länder sind." Der Mann hat recht.

So schwer sollte es nicht sein, gemeinsame Interessen zu sehen und zu ihnen zu stehen. Neben der Rückendeckung im Streit um Währungsdisziplin zählt die Energiesicherheit dazu. Deutschland braucht Norwegens Stauseen als Batterien, wenn seine Windräder – wie oft – zu viel Strom produzieren, und als Stromlieferanten, wenn daheim Flaute herrscht.

Südeuropa wird eine problematische Partnerregion bleiben. Gönnen wir uns auch ein paar unkomplizierte gute Freunde.