Nowa Amerika, auf dem Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland

Es nieselt, als Angelika Schulz ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufbricht. Nicht, dass sie dieses Reiseziel geplant hat. Zusammen mit rund 40 anderen brandenburgischen Senioren hat sie eine Tagestour ins polnische Grenzgebiet gebucht. Auf dem Programm stehen mittelalterliche Burgen und Kirchen, Mittagessen, Kaffee mit Kuchen und, als Souvenir, eine Flasche Bier mit Schokoladengeschmack, Spezialität einer polnischen Brauerei. 

Ich habe den letzten Sitzplatz neben Frau Schulz ergattert und breite eine Landkarte aus, auf der Oder und Neiße zu erkennen sind. Darüber steht in dicken Buchstaben "Nowa Amerika". Frau Schulz guckt verstohlen und kramt ihrerseits eine Broschüre aus der Handtasche, die sie mir auf den Schoß legt: eine Einladung zu ihrer nächsten Tupperware-Party. "Ich mach ja auch noch was anderes", sagt sie, als gelte es, den Eindruck zu vermeiden, sie vertrödele ihre Zeit in Reisebussen neben Journalisten mit seltsamen Landkarten.

Unter grauen Wolken rollen wir bei Küstrin über die Oder. Seit Polen zum Schengenraum gehört, sind die Passkontrollen abgeschafft, die stillgelegten Grenzanlagen wirken wie morsche Kulissen eines abgesetzten Theaterstücks. Statt Schlagbäumen trennt ein tiefes Preis- und Lohngefälle die beiden Länder. Auf den ersten Quadratmetern östlich des Flusses locken heute Friseursalons, Tankstellen, Tabakläden und "Polenmärkte" mit Dauerwellen, Zigaretten und falschen Gucci-Taschen zu Schleuderpreisen. Der Bus hält gleich an der ersten Raststätte, ein grau melierter Trupp in beigefarbenen Blousons marschiert zur Geldwechselstube, um Euro gegen Złoty einzutauschen.

Michael Kurzwelly, Künstler und Reiseleiter, ist Mitbegründer von Nowa Amerika.

Was die Ausflugsgesellschaft noch nicht ahnt: Sie wird an diesem Tag in eine neue Welt geschleust. Der Mann, der sich am Busmikrofon auf Deutsch und auf Polnisch als Michael Kurzwelly vorgestellt hat, ist kein gewöhnlicher Reiseleiter, sondern Künstler, "Konstrukteur von Wirklichkeiten" und Mitbegründer eines Landes, das auf keinem Globus zu finden ist. Es heißt Nowa Amerika, hat keine festen Grenzen, sondern vier expandierende Bundesstaaten, durch die Oder und Neiße fließen. 

Zu den Nowa Amerikanern – inzwischen sind es gut 150 – zählen Lehrer, Historiker, Theater- und Filmemacher, Künstler, Journalisten, Reiseleiter, Landschaftsplaner dies- und jenseits der beiden Flüsse. Sie haben eine Hymne komponiert, eine Fahne und einen Ausweis entworfen. Wer das verrückt findet, dem entgegnen sie, dass ein wenig Verrücktheit und Pioniergeist genau das Richtige seien für die Grenzgebiete Deutschlands und Polens – zweier Länder, die sich trotz Aussöhnung und Europäisierung immer noch schwertun miteinander. 

Nowa Amerikaner glauben fest daran, dass aus ihrer Randregion ein neues Zentrum werden kann. Und dass man deren Vergangenheit immer wieder neu bereisen und erkunden kann – auch wenn das bei der deutsch-polnischen Geschichte wirklich nicht einfach ist.

Der Krieg als Schauspiel

"Zur rechten Seite sehen Sie die Festung Küstrin", sagt Kurzwelly. "Heute heißt das hier Kostrzyn nad Odrą." Nach 1945 hieß es auch Pompeji an der Oder. 90 Prozent der Altstadt waren bei Kriegsende zerstört. Der Stadtteil westlich des Flusses fand sich kurz darauf auf dem Gebiet der DDR wieder, der östliche wurde polnisch, die Altstadt zum Trümmer- und Sperrgebiet. Inzwischen sind Teile der Festung restauriert. Den Krieg gibt es auch wieder – einmal im Jahr als Schauspiel. Unsere Reisegruppe hat die Küstriner Festungstage knapp verpasst, bei denen die Artillerieschlachten nachgestellt werden.

Gleich hinter Küstrin gleitet man mitten hinein in den Park Narodowy Ujście Warty, in das verwunschene Wiesen- und Vogelparadies des Nationalparks Warthemündung. Die Reisegruppe hält die Kameras bereit, da rekapituliert Kurzwelly noch schnell die Konferenzen von Jalta und Potsdam. Frau Schulz ist leicht irritiert. Sie hat jetzt ein paar Sätze zum Flugverhalten der Saatgänse oder Schwarzhalstaucher erwartet, kein Kurzreferat über Grenzverschiebungen nach dem Krieg, über die Vertreibung von Polen aus der heutigen Ukraine und dem heutigen Weißrussland und von Deutschen aus dem heutigen Westpolen. Aber es ist Kurzwelly wichtig, die Geschichte dieser gigantischen Entwurzelung zu erwähnen. Sonst kann er später nicht die Idee von Nowa Amerika erklären. 

Blick auf den Park Narodowy Ujście Warty, den Nationalpark Warthemündung

Frau Schulz schaut aus dem Fenster und sagt eine Weile nichts. Bis kurz vor dem zweiten Stopp, in Słońsk. Da erzählt sie plötzlich: von den Eltern, die in Schlesien Haus und Hof verloren hatten. Vom Vater, der nach der Wende noch einmal ins Heimatdorf zurückkehrte; von den polnischen Bewohnern, die seine Möbel über die Jahrzehnte in einem Zimmer aufbewahrt hatten. "Die hatten die janze Zeit Angst, dass die Deutschen zurückkommen und sich allet wiederholen. Könnse sich dat vorstellen?" Angst vor den Deutschen kann ich mir vorstellen.

Słońsk hieß einmal Sonnenburg. Es bietet außer der mächtigen Ruine eines Johanniterschlosses aus dem 16. Jahrhundert eine spätgotische Pfarrkirche und die Holzskulptur eines Indianers mit Haube, der sich bei genauem Hinsehen als Papst Johannes Paul II. erweist. Und es bietet Błażej Kaczmarek.

Kaczmarek, Mitte 60, war Ingenieur, er hat in einer LPG gearbeitet, in einer Papierfabrik und als Sozialarbeiter im Strafvollzug. Heute ist er Bildhauer, inoffizieller Stadtschreiber, überzeugter Nowa Amerikaner und enthusiastischer Spurensucher. Er legt frei, was über Jahrzehnte und Jahrhunderte verdrängt wurde oder verschüttgegangen ist. Das fällt leichter, wenn man gleichzeitig mit einer Zukunftsvision spielen kann: Nowa Amerika eben, bewohnt von allen, die das Deutsch- oder Polnisch-Sein nicht wichtig finden. 

Das würde der Reisegruppe aus Brandenburg wohl zu weit gehen. Ein paar haben Kontakte nach Polen aus alten sozialistischen Zeiten aufrechterhalten oder gehen mit polnischen "Sportskameraden" auf Radtour. Aber polnisch bleibt polnisch und deutsch bleibt deutsch.