ZEITmagazin: Professor Kandel, Sie fanden heraus, dass Psychotherapie molekulare Vorgänge im Gehirn nachhaltig verändert. Haben Sie selbst eine Therapie gemacht?

Eric Kandel: Natürlich. Das war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung. Die Psychoanalyse gibt einem die Mittel an die Hand, sich selbst und sein Verhalten auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Ich konnte mich den schmerzvollen Phasen in meiner Vergangenheit stellen.

ZEITmagazin: Sie meinen Ihre Kindheit im nationalsozialistischen Wien?

Kandel: Ja. Ich habe erkannt, wie hart es für mich war, aus meinem Heimatland vertrieben zu werden, und wie sehr mich diese Zeit geprägt hat. Wir jüdischen Kinder durften nicht mehr mit den anderen in die Schule gehen, ich wurde geächtet und bedroht. In der "Kristallnacht" haben die Nazis uns aus unserer Wohnung vertrieben und alles geplündert. Das war zwei Tage nach meinem neunten Geburtstag. Alle meine Geschenke waren weg, darunter ein nagelneues blaues, ferngesteuertes Auto. An dieses Auto kann ich mich noch genau erinnern. Und an die Angst und Panik, als die Nazis an unsere Tür hämmerten.

ZEITmagazin: Wenige Monate später, im April 1939, schickten Ihre Eltern Sie mit Ihrem fünf Jahre älteren Bruder nach New York. War das Ihre Rettung?

Kandel: Absolut. Wäre ich nur sechs Monate länger in Wien geblieben, wäre ich im Ofen gelandet. Dieser Gedanke entsetzt mich immer noch! In New York spürte ich erstmals ein überwältigendes Gefühl von Freiheit. Es war herrlich. Wir Kinder spielten alle miteinander auf der Straße, unabhängig von Herkunft oder Status. Wien war schon vor den Nationalsozialisten sehr bourgeois und restriktiv.

ZEITmagazin: Verlief Ihre Entwicklung durch diese Freiheit anders?

Kandel: In New York war vieles einfacher, unser Leben war unbeschwerter. Ich war auf einmal beliebt. An der Highschool schrieb ich für die Schülerzeitung, entdeckte Jazz und Sport für mich. Da hatte ich erstmals das Gefühl, meinem brillanten Bruder Lewis etwas vorauszuhaben. Bis dahin war er die dominierende intellektuelle Kraft gewesen. Was immer ich auch machte, er war mir fünf Jahre voraus. Endlich trat ich aus seinem Schatten.

ZEITmagazin: Später studierten Sie Geschichte in Harvard.

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Kandel: Ich wollte verstehen, wie Menschen an einem Tag Musik von Haydn, Mozart und Beethoven genießen und am nächsten Juden totschlagen können. Deshalb studierte ich Europäische Geschichte. Bis Ernst Kris, ein hervorragender Psychoanalyst und Freund, zu mir sagte: Den menschlichen Geist kannst du nur erfassen, indem du den Geist selbst studierst, durch Psychoanalyse. Das war damals in den fünfziger Jahren absolut angesagt. Schnell merkte ich, dass ich dafür auch etwas über die Biologie des Gehirns lernen musste. Ich bewarb mich beim medizinischen Labor an der Columbia und sagte dem Leiter, Harry Grundfest, ich wolle erforschen, wo im Hirn das Es, das Ich und das Über-Ich sitzen. Seine Antwort war: "Sind Sie meschugge? Wir wissen doch gar nicht, ob so etwas überhaupt existiert. Beim Hirn forscht man an den einzelnen Zellen." Ich blieb dann bei der Hirnforschung, anstatt ein reicher Psychotherapeut an der Park Avenue zu werden.

ZEITmagazin: Rückblickend war das der richtige Weg.

Kandel: Meine Frau Denise, damals noch meine Freundin, hat unerschütterlich an mich und meine beruflichen Entscheidungen geglaubt. Wenn ich überzeugt sei, dass dies der richtige Weg ist, sei Geld nicht von Belang. Sie war immer absolut ehrlich zu mir und würde nie lügen. Das hat mir starkes Selbstvertrauen gegeben.

ZEITmagazin: Auch Ihre Frau war vor den Nazis geflohen.

Kandel: Das ist eine große Gemeinsamkeit. Ich hatte immer Vorbehalte gegen die Ehe, Angst vor Streit und Verlassenwerden. Mit ihr konnte ich das überwinden. Natürlich hatten wir auch Krisen. Als unser Sohn Paul sehr klein war, arbeitete ich immer bis spätabends und an den Wochenenden. Eines Abends stürmte meine Frau mit dem Baby auf dem Arm in mein Büro und schrie mich an, so könne es nicht weitergehen. Ich habe mich dann etwas geändert.

ZEITmagazin: Vor 13 Jahren veränderte sich Ihr Leben erneut: Sie erfuhren, dass Sie den Nobelpreis erhalten würden.

Kandel: Anscheinend besitze ich die jüdische Begabung, die richtigen Fragen zu stellen, was in der Forschung sehr wichtig ist. Meine Arbeiten wurden schnell bekannt, und ich hatte schon vorher zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, aber der Nobelpreis war natürlich ein Einschnitt und hat mir viele Türen geöffnet. Endlich schloss ich auch meinen Frieden mit Wien. Einst verjagt und vertrieben, lud die Stadt mich ein und überhäufte mich mit Ehren. Aber die Frage ist ja: Was kommt nach dem Nobelpreis?

ZEITmagazin: Was könnte da noch kommen?

Kandel: Ein zweiter! Ich arbeite gerade an einigen sehr interessanten Problemen. Ich hoffe, man behält mich im Auge.