Als die Schuldirektorin Ute Lüßmann vor sieben Jahren einen Vertrag mit dem größten Ölkonzern der Welt unterzeichnete, wollte sie ihrer Schule etwas Gutes tun. Sie wollte, dass ihre Schüler ein Stück Berufsalltag erleben. Sie wollte, dass sie Formeln nicht nur auswendig lernen, sondern auch anwenden können. Sie wollte den Schülern etwas bieten.

Lüßmann, eine patente Frau mit kurzem Haar, ist Chemielehrerin und leitet das Gymnasium in Sulingen, einem kleinen Ort in Niedersachsen. Mehr als 1.000 Schüler gehen an die Schule, rund 80 Lehrer unterrichten hier. Es gibt eine Bibliothek mit 15.000 Büchern, eine Theaterbühne und ein Schulorchester. Im Foyer hängen Urkunden in hellen Holzrahmen: erste Preise bei Mathe-Wettbewerben, Ehrungen bei Jugend forscht. Der naturwissenschaftliche Unterricht am Sulinger Gymnasium ist mehrfach ausgezeichnet worden und trägt ein Gütesiegel für besonders viel Praxisnähe.

Unter der Schule, etwa 5.000 Meter tief, liegt einer der größten Bodenschätze Deutschlands: eine Kette von Erdgasfeldern, die sich von Hannover bis an die niederländische Grenze erstreckt. Wenn es dunkel ist, sieht man oben die Bohrtürme der Unternehmen leuchten, die hier Erdgas fördern. Eines dieser Unternehmen ist Exxon Mobil, ein internationaler Konzern mit Sitz in Texas und mehr als 70.000 Mitarbeitern. Rund 3.000 davon arbeiten in Deutschland. Exxon Mobil ist ein Gigant, der profitabelste Konzern der Welt. Im vergangenen Jahr machte er einen Gewinn von sagenhaften 45 Milliarden Dollar.

Der Pakt lautet: Praktikumsplätze und Geld gegen Mitarbeiter im Unterricht

Im Jahr 2007 schlossen Exxon Mobil und Ute Lüßmann einen Pakt. Der Ölkonzern kündigte an, Praktikumsplätze für Oberstufenschüler einzurichten und der Schule Geld zu schenken – 10.000 Euro im Jahr. Im Gegenzug öffnete Lüßmann dem Konzern die Türen zu den Klassenzimmern. Ein Bereich, der Menschen wie Norbert Stahlhut bis dahin meist verschlossen blieb.

Stahlhut, ein freundlicher Herr mit Schnauzbart und Krawatte, steht an einem Montagnachmittag vor der Tafel eines Klassenraums im Sulinger Gymnasium. Vor ihm sitzen rund 40 Schüler, Elftklässler aus den Leistungskursen Chemie und Physik. Stahlhut erklärt ihnen, wie Erdgas gefördert wird. Er zeigt Landkarten, auf denen die Gasfelder verzeichnet sind, und Fotos von diamantbesetzten Spezialmeißeln, die beim Bohren ins Gestein getrieben werden. Er sieht aus wie ein Lehrer, er spricht wie ein Lehrer, aber er ist kein Lehrer. Herr Stahlhut ist der PR-Chef von Exxon Mobil Deutschland.

Er geht regelmäßig in die Schulen, weil seiner Firma der Nachwuchs fehlt. "Früher hatten wir sehr viel mehr Bewerber als Stellen", sagt er. "Inzwischen ist es umgedreht." Stahlhut war früher selbst als Ingenieur auf einem Bohrturm. Jetzt will er die Schüler in Sulingen für technische Berufe begeistern, und es scheint zu funktionieren. Einige Absolventen des Gymnasiums haben bei Exxon Mobil eine Lehre angefangen. 10.000 Euro im Jahr für ein paar Auszubildende – für den Konzern scheint das ein guter Deal zu sein.

Man kann diesen Deal auch anders betrachten. Als PR-Chef ist Norbert Stahlhut für das Image von Exxon Mobil zuständig. Und das ist schlecht. Das Unternehmen ist für eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der Geschichte verantwortlich, für die Havarie des Öltankers Exxon Valdez in Alaska 1989. Bis heute gibt es immer wieder Zwischenfälle an Pipelines und Förderanlagen, und manche davon versucht Exxon Mobil zu vertuschen. Als im Frühjahr 2013 im Süden der USA mehr als 700.000 Liter Öl aus einer maroden Pipeline liefen, soll der Konzern laut US-amerikanischen Medienberichten sogar Schweigegeld an eine nahe gelegene Schule gezahlt haben. Offenbar, damit deren Lehrer und Schüler nicht mit Journalisten sprechen, denen der Zugang zum ölverseuchten Gelände verwehrt wurde. Auch in Sulingen ist Exxon Mobil nicht gerade beliebt. Denn das Gas, das der Konzern hier fördern will, ist so fest eingeschlossen, dass die Gesteinsschichten aufgebrochen werden müssen – durch Fracking, eine Fördermethode, die im Verdacht steht, das Grundwasser zu vergiften.

Der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) gibt zu, dass es bei den Schulprojekten der Mineralölkonzerne nicht nur um Nachwuchswerbung geht, sondern um Imagepflege. Der Verband erhofft sich von der Nähe zu den Schülern eine "Versachlichung der Darstellungen über die Erdöl- und Erdgasproduktion in Schulen", die "Verbesserung der Reputation der Branche" und die "Verbesserung der Akzeptanz vor Ort durch die Unterstützung örtlicher Schulen". So steht es in einem Bericht des WEG über das Schulprojekt. Der Verband ist mit dem bisherigen Verlauf der Projekte zufrieden: Für 45 Prozent der Schüler, die an der Kooperation teilgenommen haben, habe sich "die Bewertung des Partnerunternehmens verbessert".

Eigentlich haben Unternehmen an öffentlichen Schulen nichts zu suchen. Schulen werden aus Steuergeldern finanziert und sind zu Neutralität verpflichtet. Sie sind ein Ort, an dem Weltbilder geprägt und Kinder zu mündigen Bürgern erzogen werden sollen. Ein Ort, an dem Werbung verboten ist. So zumindest stand es lange Zeit in den Schulgesetzen. Bis die Gesetze aufgeweicht wurden und Leute wie Herr Stahlhut in die Klasse kamen.

Die Kehrtwende geht vor allem zurück auf die Pisa-Studie. 2001 offenbarten die Ergebnisse der Studie, dass deutsche Schüler nicht gut rechnen können. Unternehmen beschwerten sich über schlecht ausgebildete Schulabgänger, Bildungspolitiker gerieten in Panik. Niedersachsens Antwort auf den Pisa-Schock war das Konzept der "eigenverantwortlichen Schule". Schulen sollten keine überregulierten, abgeschotteten Lernanstalten sein, sondern flexible, weltoffene Bildungsorte. Lehrer sollten sich nicht hinter Lehrplänen verschanzen, sondern Experten in den Unterricht holen – auch Experten aus der Wirtschaft.

Nicht nur in Niedersachsen, in allen Bundesländern sollten Schulen zu "Dienstleistern der Wirtschaft" werden. So nannte es der Chemie- didaktiker Günter Vollmer, der einige der ersten Schulkooperationen aufgebaut hat und im Jahr 2003 für seine Bemühungen um die Vernetzung von Schulen und Unternehmen von Peer Steinbrück den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen bekam. Werbeverbote an Schulen wurden gelockert, in einigen Bundesländern, in Sachsen-Anhalt zum Beispiel, wurden sie sogar ganz abgeschafft.

Einige Schulen werden von Waffenherstellern unterstützt

Die Zahl der Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen ist seitdem unüberschaubar angestiegen. Es gibt Schulen, in denen kommen Banker in den Unterricht und erklären die Finanzkrise. Es gibt Lehrer, die beim Thema Nachhaltigkeit nicht Schulbücher, sondern Unterrichtsmaterialien von Volkswagen benutzen. Mehr als 800.000 kostenlose Unterrichtsmaterialien für alle Schulfächer sind laut einer Studie der Universität Augsburg zurzeit im Internet verfügbar – die meisten davon finanziert von der Privatwirtschaft. Auch DIE ZEIT stellt Materialien für Schulen zur Verfügung. In Hamburg hat das Glücksspielunternehmen Tipp24 eine Gesamtschule mit Laptops ausgestattet, Rüstungskonzerne sponsern mehrere Schulen, und sogar der Tabakkonzern Philip Morris kooperiert über eine Stiftung indirekt mit öffentlichen Schulen. Laut Pisa-Studie besuchten im Jahr 2006 88 Prozent der 15-Jährigen eine Schule, in der Industrie und Wirtschaft den Unterricht beeinflussen. Die meisten Kultusminister der Länder unterstützen das. Erst vor wenigen Wochen beschlossen sie, die Verbraucherbildung zu stärken – und dafür Unternehmensvertreter in die Schulklassen zu holen.

Wo hört der Bildungsauftrag auf? Und wo fängt Einflussnahme an? Das müssen in den meisten Bundesländern die Schulen selbst entscheiden. "Der Schulvorstand entscheidet über Grundsätze für die Werbung und das Sponsoring in der Schule", heißt es im niedersächsischen Schulgesetz. Wie weit die Zusammenarbeit von Unternehmen und Schulen genau gehen darf – mit dieser Frage lässt das Kultusministerium die Lehrer allein. "Die Regierung könnte den Wunsch nach mehr Eigenverantwortung schon flankieren mit ein paar konkreten Orientierungshilfen für Schulen, die ein Unternehmen als Partner haben", sagt Ute Lüßmann, die Schulleiterin des Sulinger Gymnasiums. Aber warum lässt die Rektorin ausgerechnet einen Konzern wie Exxon Mobil an ihre Schule? "Ich will die Schule nicht zur Werbefläche machen", sagt sie. "Ich will die Schule öffnen, so wie es die Politik von mir verlangt. Und ich will meinen Schülern etwas bieten." Von den 10.000 Euro, die Exxon Mobil jedes Jahr überweist, haben Lüßmann und ihre Kollegen Experimentierkästen für den Physikunterricht gekauft, einen Gaschromatografen und interaktive Tafeln, von denen eine bis zu 6.000 Euro kostet. Das alles können sich die meisten Schulen mit ihrem normalen staatlichen Budget nicht leisten.

Die Schüler des Sulinger Gymnasiums scheint die Nähe der Sponsoren nicht zu stören. "Im Unterricht lernen wir die Formeln, bei Exxon hab ich verstanden, wofür man sie braucht", sagt Henning aus der elften Klasse, der in der Erdgasreinigungsanlage von Exxon Mobil eine Facharbeit über Kesselwasser geschrieben hat. Eine Mitschülerin sagt: "Die Unternehmen stellen uns ihre Mitarbeiter als Betreuer zur Verfügung. Ist doch klar, dass die dafür ein bisschen Werbung machen wollen." Schulleiterin Lüßmann sagt, man dürfe die Zusammenarbeit mit Exxon nicht isoliert betrachten. Dann zählt sie auf, mit wem das Gymnasium sonst noch kooperiert. Ein Altenheim ist dabei, ein Solarunternehmen und der Naturschutzbund. Von keinem dieser Partner aber bekommt sie so viel Geld wie von Exxon Mobil.

Es ist paradox: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf Schleichwerbung nur gezeigt werden, wenn explizit darauf hingewiesen wird. In öffentlichen Schulen aber stehen PR-Chefs von Ölkonzernen vor der Klasse, ohne dass Schüler deren Absichten durchschauen. Schulbücher müssen von den Kultusministerien genehmigt werden, aber Arbeitsblätter von McDonald’s können aus dem Netz geladen und ungeprüft im Unterricht verwendet werden. Und während selbst Medizinstudenten mittlerweile Kurse belegen müssen, in denen sie für die Offerten der Pharmalobby sensibilisiert werden, wird Lobbyismus in den meisten Lehramtsstudiengängen bislang nicht einmal erwähnt.

Im Mai 2013 forderte die Initiative Lobbycontrol in einem offenen Brief an die Kultusminister ein umfassendes Werbeverbot an Schulen und eine unabhängige Beratungsstelle für Lehrer, die unsicher sind, ob die Nähe zu einem Unternehmen den Schülern eher schadet oder nützt. Niedersachsen hat daraufhin angekündigt, einen Lobbyismusleitfaden zu erstellen, eine Art Orientierungshilfe für Schulen, die mit Unternehmen zusammenarbeiten. Wer den Leitfaden ausarbeitet und wann er erscheint, sagt das Kultusministerium nicht. Der Leitfaden werde den Schulen "zeitnah" zur Verfügung gestellt, sagt ein Sprecher des Ministeriums auf Nachfrage. Bis dahin darf Herr Stahlhut von Exxon Mobil weiter vor der Klasse stehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio