Die Intendanz Karin Beiers am Hamburger Schauspielhaus steht von Anfang an im Zeichen der Unfälle. Zuerst kam, vor ein paar Wochen, ein Bühnenunfall: Der eiserne Vorhang und das daran hängende Gewicht donnerten nacheinander auf den Bühnenboden und durchschlugen ihn, sodass die Neueröffnung des sanierten Schauspielhauses am 15. November mit einer siebenstündigen Haupt- und Staatsinszenierung namens Die Rasenden unter Federführung der Intendantin unmöglich wurde und die Premiere auf den 18. Januar 2014 verlegt werden musste. Der Unfall lässt sich lustig erzählen und erinnert an den Film The Music Box mit Laurel und Hardy (ein Klavier, von eifrigen Trotteln in die Höhe transportiert, fällt in die Tiefe und reißt seine Träger mit), aber er wird, so vermutet die Intendantin, die Juristen noch beschäftigen, wenn sie schon nicht mehr im Amt ist.

So ist nun eine irrlichternde, manische Inszenierung zur Eröffnungsvorstellung der neuen Ära geworden, Schwarze Augen, Maria von der Theatergruppe Signa. Signa ist ein in Kopenhagen beheimatetes Kollektiv um die Dänin Signa Köstler und den Österreicher Arthur Köstler. Ihr Ideal ist ein Theater, welches seine Zuschauer verschlingt, verwandelt und erst nach vielen Stunden wieder ausspuckt. Man soll, wenn man zu Signa geht, wie vom Erdboden verschluckt sein. Signa und Co. bauen für jede Inszenierung eine eigene Welt, sie finden leer stehende Gebäude und bevölkern sie mit den Gestalten ihrer Fantasie.

In Signas Welten herrschen eigene Mächte, in Die Hundsprozesse (nach Kafkas Prozess) war es die entfesselte Bürokratie; in Die Hades Fraktur war es die sexuelle Gier, nun, in Schwarze Augen, Maria, ist es der Wahnsinn. So denkt man jedenfalls, wenn man den Spielort betritt, ein ehemaliges Schulgebäude in Hamburg, denn man wird empfangen von leer lächelnden, schwarzäugigen Mädchen in weißen Gewändern, Wesen, wie man sie von den Bildern der Fotografin Diane Arbus kennt: Wir sind, so die Spielvereinbarung, als Gäste zum Tag der offenen Tür im "Haus Lebensbaum", einem Ort des betreuten Wohnens. Hier kümmern sich ein Arzt und einige Pflegerinnen um Familien, die in der Welt nicht leben könnten. Es sind Familien, die durch einen Unfall zusammengeführt worden sind.

Sie alle waren, so erfahren wir von ihrem Arzt, vor 20 Jahren in eine Karambolage auf der Autobahn A 7 bei der Raststätte Altenwerder verwickelt. Schuld am Unfall war eine Frau namens Maria, die halb nackt die Autobahn überquerte, woraufhin ein Lastzug ihr auswich, umkippte und seine Ladung, lebende Schweine, auf die Autobahn entließ, während weitere Fahrzeuge in den Viehtransporter krachten. Alle in den Unfall verwickelten Frauen wurden, stimuliert durch den Schock, nahezu gleichzeitig schwanger und gebaren schwarzäugige Kinder, zehn an der Zahl, von denen zwei starben, die acht Überlebenden wohnen mit ihren Familien im Haus Lebensbaum.

Es ist mit dem Signa-Theater wie mit einem guten Horrorfilm: Allmählich gewinnt das Wahnsystem Plausibilität, die Welt stülpt sich sozusagen um. Zu Beginn werden wir alle in der ehemaligen Aula der Schule begrüßt, dann geht man gruppenweise oder allein in die Wohnungen der verschiedenen Familien. Am Ende feiert man gemeinsam ein Fest. Die Familien haben Namen wie Gerstein, Sternlieb, Kiebuzinski, und schon diese Namen lassen ahnen, in welcher Gefahr die Figuren schweben: Es ist, als hätte es in dieser Parallelwelt die Schoah noch nicht gegeben.

Alle Wohnungen sind von einer überbelichteten Wahrhaftigkeit; das Haus ist in Kinderzimmerfarben getaucht, überall gibt es zerwühlte Schlafstätten, wilde Geborgenheitsnester, auf Herdplatten kocht Essen, im Treppenhaus schwebt der Geruch von Brühwürfeln. In diesem Spiel mit dem Zufall (dem Zuschauer) bleibt nichts dem Zufall überlassen. Hinter jeder Tür wartet fremdes Leben, apathische Frauen (die Mütter der Schwarzäugigen) liegen in ihren Betten, seit Jahren schon, wie wir erfahren. Aber die meisten Figuren sind ansprechbar, alle werden von Schauspielern verkörpert, und sie halten ihr Spiel durch, auf jede Frage gefasst, ohne aus ihren Rollen zu fallen. Dieses Spiel würde Stephen King gefallen, David Lynch hätte seine Freude.

Aber wozu das alles?