Halbleere Colaflaschen und herumliegende Rucksäcke, viele Kapuzenpullis, wenig Platz. Ordnung ins Chaos bringen, das ist die Herausforderung im Computerpool der Uni Heidelberg – nicht hier im Raum, sondern in 10.000 Kilometern Entfernung. Über 160 Studenten sind zum Heidelberger "Mapathon" gekommen, sie zeichnen bunte Kästchen und Linien in Satellitenbilder ein. Es sind Katastrophenhelfer: Die Landkarten, die sie erstellen, können auf den Philippinen Orientierung geben, vielleicht sogar Leben retten.

"Crisismapping" heißt die Disziplin, bei der viele Freiwillige in kürzester Zeit detaillierte Karten von Krisenregionen erstellen. Sie basieren auf dem Projekt OpenStreetMap, einer Art Wikipedia der Landkarten. Jeder kann sich anmelden und innerhalb von Minuten zum Kartografen werden. Als Vorlage für die Landkarten dienen hochauflösende Satellitenbilder; Details sind noch in Bereichen deutlich unter einem Meter zu erkennen. Zur Auswertung der Bilder braucht es den menschlichen Verstand, denn Computer allein können oft noch nicht zwischen Straßen und Flüssen unterscheiden. Sie können auch nicht einschätzen, ob und wie stark ein Gebäude zerstört ist.

Die Bedienung der Software ist dabei einfach. Sie sei "sehr intuitiv", sagt Alexander Zipf vom Geographischen Institut der Universität Heidelberg. "Mit der Maus zeichnet man Dinge ab, die man auf den Bildern erkennt. Dann ordnet man das entsprechende Attribut zu: Gebäude, Straße, Pfad." Diese Objekte werden über die Satellitenaufnahmen gelegt. Arbeiten viele Helfer zusammen, können sie aktuelle Karten erstellen – viel schneller, als das mit konventioneller Kartografie möglich wäre.

Seit der Wirbelsturm Haiyan über die Philippinen hinweggefegt ist, haben sich weltweit mehr als tausend Freiwillige an ihre Rechner gesetzt und weit über zwei Millionen Änderungen in die Karten eingezeichnet. Vor Ort können Katastrophenhelfer, zum Beispiel vom amerikanischen Roten Kreuz, per Navigationsgerät auf die so gesammelten Geodaten zugreifen. Oft werden die Karten auch ausgedruckt und verteilt. Ihr größter Vorteil ist die Aktualität: Wo vor zwei Wochen noch ein Weg war, ist heute vielleicht kein Durchkommen mehr. Auch der Zustand von Gebäuden kann eine lebenswichtige Information sein – die meist von Helfern vor Ort kommt. Einsturzgefährdete Häuser beispielsweise können dann mithilfe ihrer Angaben markiert werden.

Kostenlose Satellitenaufnahmen für die Katastrophenhelfer

Normalerweise sind Satellitenbilder ein teures Gut: Die Betreiber verlangen oft hohe Gebühren für die Nutzung der Aufnahmen. Ein Sonderabkommen mit den UN stellt jedoch sicher, dass die Krisenhelfer das Material für ihre Karten kostenlos bekommen. Damit sind die Grundlagen vorhanden: die Satellitenbilder als Vorlage, die Software zur Bearbeitung.

Zur Koordination der Helfer hat sich das "Humanitarian Open Streetmap Team" gebildet, kurz H.O.T. Trägt sich ein freiwilliger Kartograf auf einer E-Mail-Liste ein, wird ihm ein bestimmter Bereich zur Bearbeitung zugeteilt. So wird aus interessierten Internetnutzern eine Gemeinschaft, eine tatkräftige, zielgerichtete "Crowd".

Pascal Neis ist Doktorand am Geographischen Institut in Heidelberg und hat den Mapathon mitorganisiert. Die Studenten seien sehr motiviert, viele hätten sich sofort an die Arbeit gemacht, erklärt er. "Es ist ein großer Anreiz für sie, praktisch zu arbeiten. Sie sehen ganz direkt das Sinnvolle in ihrer Arbeit." Neis selbst bearbeitet nicht nur Karten, sondern entwickelt die Programme weiter. Mit einem von ihm programmierten Computerwerkzeug lassen sich beispielsweise alle Kartenänderungen auf einen Blick erfassen.

Neben der Erstellung von Landkarten gibt es weitere Aufgaben, die freiwillige Internethelfer übernehmen. Sie werten Texte aus sozialen Netzwerken aus, scannen auf Facebook und Twitter Nachrichten nach Informationen über zerstörte Häuser und Straßen oder vermisste Menschen in der Krisenregion. Mehr als eine Million Tweets wurden so im Laufe der letzten Woche analysiert. Werden diese Informationen wiederum mit geografischen Daten kombiniert, ergibt sich eine noch genauere Auflösung der Karten – sie erhalten sozusagen eine zusätzliche, menschliche Dimension der Katastrophe, die über bloße Luftaufnahmen nicht abrufbar wäre. Und die nächsten Aufgaben stehen schon an. Es gibt Potenzial zur Weiterentwicklung des Systems: Ist das Internet in einer Krisenregion wieder zugänglich, wäre zum Beispiel ein stets aktualisierter Routenplaner nützlich.

"Die Resonanz auf Haiyan ist enorm"

Die Gemeinde der Crowdmapper wächst stetig. Bei dem verheerenden Erdbeben auf Haiti im Januar 2010 konnten die Krisenkartografen erstmals entscheidend helfen und erstellten teilweise völlig neues Kartenmaterial – auf der digitalen Landkarte der Insel hatte es vor dem Unglück große weiße Flecken gegeben. Im Laufe der vier Wochen nach dem Erdbeben hatten etwa 700 Freiwillige dazu beigetragen, den örtlichen Hilfskräften den Weg zu weisen; beim Reaktorunglück in Fukushima waren es immerhin 350.

In Heidelberg war die Bereitschaft zu helfen diesmal noch größer: "Die Resonanz auf Haiyan ist enorm. So viele Teilnehmer haben in so kurzer Zeit noch nie zum Crisismapping beigetragen", freut sich Alexander Zipf über die vielen Freiwilligen. Und auch die Geografieprofessoren der Universität reagierten umgehend auf die aktuelle Krise auf den Philippinen: In manchen Seminaren wurden die Übungsaufgaben angepasst.