Ginge es nach einer meinungsstarken Minderheit in diesem Lande, müsste ich für das kommende Weihnachtsfest ein veganes Feiertagsmenü vorschlagen. Da ich mich aber nicht als Kaninchen-Imitator verstehe und davon überzeugt bin, dass es sich bei der Mehrzahl der Leser um genussfrohe Fleischesser handelt, sollen auch im diesjährigen Weihnachtsmenü weder Has’ noch Huhn fehlen, weder Krebs noch Hummer. Wenigstens zum Fest soll Jubel herrschen in deutschen Esszimmern! Deshalb wird endlich mal wieder geklotzt.

Andererseits gibt es Menschen, die Bescheidenheit von uns fordern, gar "neue Bescheidenheit". Und es gibt Finanzminister und ihre Büttel. Deshalb wird unser Hauptgericht in diesem Jahr eine besondere Überraschung sein: ein Leipziger Allerlei. Das soll einst entstanden sein, als Napoleon von der europäischen Koalition bei Leipzig geschlagen war und allerlei Not leidende Flüchtlinge durchs Land zogen. Zum Schutz vor deren begehrlichen Blicken beschlossen Leipzigs reiche Bürger, ein ziemlich aufwendiges Gericht aus edelsten Ingredienzen (Morcheln, Spargel, Flusskrebse) als simplen Eintopf zu camouflieren.

Wir wissen nicht, ob sich die revolutionären Vagabunden von dem Durcheinander auf den Leipziger Tellern täuschen ließen. Wohl aber, dass die matschige Pampe, welche in späteren Jahren unter dem Namen "Leipziger Allerlei" als Gemüsebeilage in Dosen verkauft wurde (und wird), nicht einmal zum Fußballspielen taugt. Deshalb halten wir uns an die Originalidee und variieren sie ganz nach unserem luxuriösen Geschmack – und unserem Anspruch, saisonal zu kochen.

So verzichten wir – wegen dessen weihnachtlicher Unpässlichkeit – auf weißen Spargel, laden uns als Überraschungsgast aber ein paar Wachtelbeinchen und eine Scheibe Gänseleber ein (ja: Gänseleber. Aber niemand wird gezwungen, sie zu essen!) und nennen das Ganze ein "winterliches Leipziger Allerlei". Vorher gibt es zweierlei Lachs, den wir fast roh verzehren, weil wir ihn jetzt überall in so guter, frischer Qualität bekommen. Für die Schärfe sorgt in diesem Jahr der Meerrettich, und zwar als Suppe, die wir zwischen Lachs und Allerlei servieren. Und als Dessert gibt es eine Crème Caramel. Weil sie einen sehr reinen Geschmack hat, nicht übermäßig süß ist und auch nach einem großen Essen noch angenehm leicht wirkt – sofern man sie selbst herstellt.

Eine weitere angenehme Eigenschaft hat dieses Dessert: Es wartet gern auch einmal 24 Stunden lang im Kühlschrank auf seinen Einsatz. Weshalb einiges dafür spricht, bei der Zubereitung dieses Weihnachtsmenüs mit dem letzten Gang zu beginnen – und zwar am besten am Vortag des großen Festmahls.

Für die Crème Caramel also schneide ich ½ Vanilleschote der Länge nach auf, kratze das Mark mit dem Messerrücken heraus und gebe Schote und Mark mit 100 g Zucker in ½ l Milch. Diese lasse ich kurz aufkochen und stelle sie zur Seite. Wenn sie etwas abgekühlt ist, verquirle ich in einer Schüssel 2 ganze Eier und 3 Eigelb und gieße die Vanillemilch durch ein Sieb in die Eier, während ich weiterrühre. Danach verrühre ich in einem Topf mit schwerem Boden 125 g Zucker mit wenig Wasser, bringe die Mischung zum Kochen und lasse sie unter ständigem Rühren weiterköcheln, bis sie zu einem hellbraunen Sirup wird. Ich stoppe den Kochvorgang mit einem Glas Rotwein, den ich zu dem Sirup schütte, und gieße den so gewonnenen Karamell in ausgebutterte Portionsförmchen, sodass der Boden dünn bedeckt ist. Darauf fülle ich die Vanille-Eier-Milch und stelle die Förmchen in eine feuerfeste Form, in die ich so viel heißes Wasser gieße, dass die Portionsförmchen gut zur Hälfte im Wasser stehen. Das Ganze kommt in den auf 200 Grad vorgeheizten Ofen, wo die Crème langsam stockt: Nach etwa 45 Minuten wird ihre Oberfläche dunkelgelb bis hellbraun sein. Diese Zeit nutze ich, um den im Topf übrig gebliebenen hart gewordenen Karamell mit etwas Wasser aufzusetzen und 1 EL Butter darin aufzulösen. So entsteht eine Karamellsauce, die ich zuletzt an die auf Teller gestürzte Crème Caramel gieße.