Arbeiter in der Leipziger BMW-Fabrik © Fabrizio Bensch/Reuters

Wo liegt Deutschlands beste Fabrik? In Leipzig. Und wo zeigt sich auf einem Fabrikgelände das Lohngefälle zwischen Stammbelegschaft und den Zuarbeitern fremder Firmen besonders deutlich?

In Leipzig.

Der Ort ist identisch – die Fabrik auch. Es ist das BMW-Werk vor den Toren der Messestadt.

Hier hat der Münchner Konzern das modernste deutsche Automobilwerk auf die grüne Wiese gestellt. Vier weithin sichtbare Windräder stehen für Nachhaltigkeit, das Zentralgebäude wurde von der britischen Stararchitektin Zaha Hadid entworfen.

Vor der Tür steht ein gelangweilt wirkender Wachmann in orangenfarbener Warnweste, die Empfangsdame in der luftigen Eingangshalle verlangt freundlich den Personalausweis. Links hinter ihr, in der offenen Cafeteria, tummelt sich ein buntes Völkchen: Werker in Arbeitskluft, mal grau, mal blau, mal blau mit grau, mal mit Namensschild, mal ohne. Anzugträger und Damen im Kostüm schlürfen Cappuccino oder stärken sich mit einem Snack. Rechterhand der Devotionalienshop für BMW-Fans. Über der Brüstung eines Zwischenstockwerks sind die Griffe der Laufbänder des werkseigenen Fitnessstudios zu sehen. Ein staunender Besuchertrupp folgt seinem Führer in Richtung Produktionshallen.

So stellt man sich das Vorzimmer zum Arbeiterparadies vor.

Drinnen ist Werkssprecher Jochen Müller, und der sprüht vor guten Nachrichten: Ein Teil der Produktionsanlagen wird gerade für das neue BMW-Coupé umgerüstet, daneben läuft das erste Elektroauto der Marke vom Band, der Stadtflitzer i3 mit seiner revolutionären Carbon-Karosserie. Die Leipziger BMW-Fabrik gibt immer mehr Menschen Arbeit. "Wir haben in den letzten zwei Jahren gut 1.000 Leute neu eingestellt", erzählt Müller, "damit ist die Stammbelegschaft auf über 3.700 Mitarbeiter angewachsen." Und wie viele Menschen arbeiten insgesamt auf dem Werksgelände? "Über 6.000", sagt Müller.

Das BMW-Werk wurde als "Beste Fabrik 2013" ausgezeichnet

Keine Frage, das jüngste deutsche BMW-Werk, das 2005 offiziell die Serienproduktion startete, ist eine Erfolgsgeschichte. Die hochmoderne Produktionsstätte in Leipzig wurde gerade von den renommierten Managementschulen Insead und WHU als "Beste Fabrik 2013" ausgezeichnet, in Deutschland und sogar in Europa. Die Werker in Leipzig tragen dazu bei, dass BMW zu den renditestärksten Autoherstellern der Welt gehört.

Aber da ist noch die andere Seite: In keinem deutschen Automobilwerk ist der Anteil von Arbeitskräften fremder Firmen so hoch wie auf dem gut 200 Hektar großen BMW-Gelände. Menschen, die letztlich alle an denselben Autos bauen, werden sehr unterschiedlich behandelt – je nachdem, wo sie angestellt sind.

Die IG Metall hat gerade in bundesweiten Erhebungen nachgezählt, wie die Menschen in der Automobilindustrie arbeiten: 763.000 sind beim Hersteller fest angestellt, 100.000 als Leihbeschäftigte und 250.000 mit Werkverträgen.

In Leipzig ist der Anteil der Leiharbeiter und Werkverträgler besonders hoch. Gibt das Werk den Weg vor? Wird es über kurz oder lang in allen deutschen Fabriken ähnlich zugehen?

"Im BMW-Werk gibt es eine Fünf-Klassen-Gesellschaft", kritisiert Bernd Kruppa, 50, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Leipzig. Was die "Klassen" trennt, sind vor allem die Lohnhöhe und der Grad der Unsicherheit des Arbeitsplatzes. Klasse 1: die BMW-Stammbelegschaft, Klasse 2: die direkt bei BMW beschäftigten Leiharbeiter, Klasse 3: die Beschäftigten der Werkvertragsunternehmen, Klasse 4: Leiharbeiter, die für diese Werkvertragsfirmen arbeiten, Klasse 5: Leiharbeiter bei Werkvertragsfirmen, deren Vertrag auch noch befristet ist.

Wie funktioniert das, und wie lässt sich das mit dem guten Image des Autokonzerns vereinbaren?

Nachfragen bei BMW erhellen zwar das Motiv der Arbeitsteilung, bringen aber wenig Aufschluss über die konkreten Verhältnisse. In Leipzig habe "BMW bewiesen, dass man auch noch im neuen Jahrtausend eine neue Automobilfabrik in Deutschland aufbauen und erfolgreich führen kann", heißt es offiziell. "Voraussetzung dafür ist die Konzentration auf das Kerngeschäft in der Produktion und eine hohe Flexibilität bei schwankenden Marktnachfragen." Übersetzt: Leiharbeiter und Werkvertragsfirmen machen das Werk flexibel.