Mit der Fusion des britischen Penguin Verlag, wird Random House der größte Publikumsverlag der Welt.

Verlagsgründer des vergangenen Jahrhunderts waren in der Regel das, was man in Amerika independently wealthy nennt. Alfred A. Knopf, Bennett Cerf oder James Laughlin gründeten ihre Verlage nicht, um damit reich zu werden, sondern weil sie ihre Zeit prägen wollten und auf intellektuelle Abenteuer aus waren. Als der Stahlerbe James Laughlin 1936 den Verlag New Directions gründete, konnte er es sich leisten, nach dem Leitsatz seines Freundes und Lehrers Ezra Pound zu verfahren: Gute Literatur brauche mindestens zwanzig Jahre, um sich durchzusetzen. Das eigentliche Kapital für einen Verleger dieses Schlags besteht in seinem Geschmack. Entdeckt er jene Bücher, die ihre Zeit überdauern, zahlt sich die Investition zwanzig Jahre später in einer Backlist mit Longsellern aus. Der Spürsinn des 1997 verstorbenen James Laughlin ist legendär: Kafka, Céline, Nabokov, Neruda, Mishima – in den besten Jahren erwirtschaftete diese Backlist 75 Prozent des Umsatzes. Dies erlaubte es dem Verlag nicht nur, weiter Bücher zu verlegen, die in den ersten Jahren Geld verloren, sondern auch, alle Titel lieferbar zu halten – bis heute.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allerdings änderten sich die Voraussetzungen für das Verlegen neuer Literatur, die neu bleibt (um noch einmal Pound zu zitieren). Es begann damit, dass Alfred A. Knopf 1961 seinen Verlag an den Random-House-Gründer Bennett Cerf verkaufte, der wiederum Random House vier Jahre später an den Medienkonzern RCA veräußerte. Seither schlucken die Großen die Kleinen, und aus Verlagen wie Henry Holt, Doubleday oder Farrar, Straus and Giroux wurden bloße "Imprints", die sich heute unter dem Dach eines der Big Six wiederfinden: Random House–Bertelsmann, Macmillan, HarperCollins, Hachette, Penguin und Simon & Schuster. Wenn demnächst mit dem Zusammenschluss der Giganten Random House-Bertelsmann und Penguin der größte Verlagskonzern der Welt entsteht, sind es nur noch Big Five.

Unter deutschen Verlagen haben zwar ähnliche Prozesse stattgefunden, S. Fischer, Rowohlt und KiWi gehören zum Medienkonzern Holtzbrinck, während etwa Piper, Carlsen und Berlin Verlag Imprints des schwedischen Buchkonzerns Bonnier sind. Doch anders als in den USA, wo kaum mehr ein Traditionsverlag sich selbst gehört, konnten Suhrkamp, Hanser, C. H. Beck oder Klett-Cotta bis heute ihre Unabhängigkeit bewahren.

In den meisten Konzernverlagen geht es nicht mehr darum, Geld zu verdienen, um damit Bücher zu verlegen, sondern Bücher zu verlegen, um damit Geld zu verdienen. Aus einem Gentleman’s Business mit einer Gewinnmarge von bestenfalls vier bis fünf Prozent ist eine professionelle Unternehmung geworden, bei der manche eine Rendite von zehn bis zwanzig Prozent erwarten. Dass dies zulasten der intellektuell und literarisch bedeutenden Titel geht, versteht sich. Doch in den USA haben sich die Gewichte nun wieder verschoben, neue, unabhängige Verlage entstanden, die sich in der frei gewordenen Nische einrichten. "Wir verlegen heute jene Bücher, die früher bei Random House erschienen wären", sagt Dennis Johnson, der 2001 zusammen mit seiner Frau Valerie Merians den Verlag Melville House gegründet hat.

Als Beispiel nennt er die erste Übersetzung von Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein, die 2010 erschien – ein großer Erfolg. Neben Belletristik verlegt er auch Reihen mit ausgegrabenen Klassikern sowie politische Sachbücher, möglichst nah am Puls der Zeit. Als 2008 die Finanzkrise die Welt erschütterte, gab es im Verlag eine Sitzung, in der jemand von einem wirtschaftskritischen Artikel eines Anthropologen namens Graeber erzählte. Das Buch Schulden – Die ersten 5000 Jahre, das der Verlag daraufhin bei David Graeber in Auftrag gab, wurde ein internationaler Bestseller.

Das Profil von Melville House ist typisch für viele unabhängige Verlage: Es geht um die Entdeckung von neuen Talenten und die Erweiterung des Horizonts. Dies betrifft insbesondere die internationale Avantgarde. In den USA kennt man das böse Wort vom stigma of translation: Übersetzungen sind, wegen des zusätzlichen Honorars, teuer und gelten als schwer verkäuflich. Angeblich interessieren sich amerikanische Leser nicht für das, was außerhalb der USA geschrieben wird. Oft allerdings haben sie überhaupt keine Chance, sich zu interessieren, denn sie bekommen erst gar keine übersetzten Bücher zu Gesicht. Weil Rezensenten vor Übersetzungen zurückschrecken, haben Buchhandlungen keinen Anreiz, diese ins Regal zu stellen – und dies wiederum nimmt Verlagen den Mut, ausländische Autoren zu publizieren. Von den knapp 300.000 Büchern, die jedes Jahr in den USA erscheinen, handelt es sich nur bei 600 bis 700 Titeln um literarische Übersetzungen – genaue Zahlen werden nicht erhoben. Oft ist von drei Prozent die Rede, doch was Belletristik angeht, dürfte die Quote im niedrigen Promillebereich liegen – Zahlen, wie man sie sonst nur von abgeschotteten Kulturen wie Saudi-Arabien kennt (in Deutschland macht der Anteil der Übersetzungen bei Neuerscheinungen gut zwölf Prozent aus, auf die Belletristik allein bezogen sind es fast vierzig Prozent).

Die wichtigen internationalen Titel erscheinen heute fast ausschließlich in unabhängigen Verlagen, oft winzigen Ein- oder Zwei-Personen-Unternehmen. Der Brooklyner Verlag Archipelago Books etwa, der sich auf Übersetzungen spezialisiert hat, bringt jedes Jahr elf Neuerscheinungen heraus, Neuübersetzungen von Rilke oder Kleist ebenso wie Werke von Elias Khoury, Antonio Tabucchi oder Julio Cortázar.

Im Unterschied zu den Verlegern alter Schule haben die heutigen meist kein Vermögen, das sie einbringen können. Dennis Johnson hat für die Gründung seines Verlags seine Ersparnisse und ein paar Kreditkarten geplündert – ein Vorgehen, das er niemandem empfehlen würde. Es gibt aber in Amerika eine Alternative zum persönlichen Risiko: den Non-Profit-Status. Was für Theater, Museen und Orchester selbstverständlich ist, haben mittlerweile auch Verlage für sich entdeckt. Als Non-Profit-Unternehmen ist ein Verlag nicht nur von den meisten Steuern befreit, sondern er hat auch die Möglichkeit, Fördermittel einzuwerben.