Die Welt ist nicht genug, findet dieser unscheinbare Riese, und wenn er über ihren Horizont schauen will, lädt er zu ungewohnter Stunde zur Reise durch die Paralleluniversen. So hat er bei den Salzburger Festspielen zwei Gipfelzyklen der Musikgeschichte gleich nacheinander gespielt: Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Diabelli-Variationen. Das Konzert begann um 22 Uhr, wenn auch im Fernsehen die verbotenen Sachen laufen. Alle Wiederholungsvorschriften befolgte der Mann, jedes Komma, jeden Triller, und er spielte nicht den einen gegen den anderen Zyklus aus oder machte sich das Leben irgendwie leichter. Er wollte den enzyklopädischen Kraftakt. Bis weit nach Mitternacht ergab sich das Publikum diesem genialen Professor, dessen Aula das Festspielhaus und dessen Mikrofon ein Konzertflügel war. Wer dem Mann auf der Straße begegnet, wird ihn für bescheiden, fast schüchtern halten. Auf der Bühne ist er ein Methodiker – und ein Überfallkommando.

Neulich betrat der Ungar András Schiff ein Bonner Restaurant und ging wieder fast verloren. Der kleine, zartgliedrige Herr, fraglos einer der gründlichsten und seriösesten Pianisten der Gegenwart, saß artig in einer Ecke, aß Schweinebraten mit Semmelknödeln und Salat, trank Rotwein und plauderte mit seinem Gast über Bach, Beethoven und die anderen Welten. Schiffs leises, gesangliches und überraschend geschliffenes Deutsch legte sich wie ein samtiges Band über den Abend, und wer nicht aufpasste, verpasste Sätze, die wie Klingen durch die Gemütlichkeit des Musikbetriebs zuckten. Über Beethovens politische Potenz: "Das ist Musik, die keiner Regierung gefallen dürfte." Über Bachs Art, Zyklen zu komponieren: "Bach war ein Systematiker. Als er zur Variation kam, sagte er sich: Das muss ich jetzt auch noch machen, dann bin ich damit fertig." Wieder über Beethoven: "Er war ein Choleriker. Sein Humor ist oft eine getarnte Aggression." Bei Bach hingegen "lachen die Götter im Olymp mit".

Voluminös auf dem Bechstein, kühn und zart auf dem Hammerklavier

An diesen ungleichen Zwillingen der Musikgeschichte ist Schiff selbst zum Systematiker geworden. Immer wieder stehen Bach und Beethoven auf seinen Programmen. Ihrer Musik dient er so gründlich, dass er sogar die Originalhandschriften studiert, das machen nicht viele seiner Kollegen. Dabei interessieren Schiff nicht nur die Noten, sondern auch Traktate der damaligen Zeit, ästhetische Programme, Verzierungslehren. Auf dem Klavier spielt er einen Bach mit historisch geschärftem Sinn, stickt Arpeggien rein, trillert frivol, verschleift jäh, baut überrumpelnde Eingänge bei Wiederholungen ein, etwa seine lustigen Zwischensprints im Menuett der B-Dur-Partita. Anderswo gibt er den nervösen Motoriker, der Prozesse zuspitzt oder Gleichlauf verhindert, ähnlich jenen Schachgroßmeistern, die Stellungen verunklaren, um im Dunkel der Situation das Blitzlicht eines Angriffs zu zünden.

Beethoven habe viel von Bachs Vorgängermodell gelernt, weiß Schiff, "er hat die Noten in der Bibliothek des Barons van Swieten studiert. Gespielt hat sie damals kein Mensch, aber die Abschriften gab es." Schon früh wusste Schiff, dass beide Komponisten eng miteinander verbunden sind, aber erst jetzt hat er sich getraut, auch seine Sicht auf die Diabelli-Variationen einer CD anzuvertrauen. Während er den Bach-Zyklus schon 2003 aufgenommen hatte, musste er für Diabelli erst noch forschen. Er suchte nach dem Code für die Aufnahme. Er wollte uns nicht die x-te Aufnahme vorlegen, sondern seine Hörer überrumpeln, sie zu enthusiastischen Parteigängern machen – und zwar mit einem Trick, der ihnen Beethovens Spätwerk mit den Mitteln des Verblüffungstheaters nahebringt. Nun spielt er das Werk (flankiert von der Klaviersonate c-moll op. 111 und den Bagatellen) auf der neuen ECM-Produktion gleich zwei Mal: zuerst auf einem Bechstein-Flügel von 1921, dann auf einem Hammerklavier von Franz Brodmann, gebaut in Wien um 1820. Wir erleben einen faszinierenden Zeitentransfer, gleichsam in zwei Schritten von heute über jeweils hundert Jahre zurück zur Quelle des Klangs.

Schiff macht sich und uns ein Fest daraus, die Unterschiede prall klingen zu lassen. Doch dazu muss er keine künstlichen Gegensätze etwa in Tempo, Dynamik, Artikulation oder Stimmtonhöhe konstruieren, die Instrumente selbst sind grundverschieden und sprechen für sich, jedes mit eigener Sprache. "Der Bechstein klingt wie aus einer längst vergessenen Welt", sagt Schiff, er sei warm und voluminös, ein "Monument gegen die unglückselige Steinway-Globalisierung". Das Hammerklavier töne dagegen "kühner und unendlich viel zarter". Sagen wir’s anders: Der Bechstein fügt die Welt mit Wohllaut zusammen, das Hammerklavier zerlegt sie, guckt über ihren Tellerrand, splittet sie auch schon mal in Einzelklänge. Jede Aufnahme ist für sich ein Ereignis, oder, um mit Voltaire zu sprechen: Zu zweit sind sie die besten aller Welten.