Anna Netrebko trägt bordeauxrote Lackstiefelchen mit knöchelbrecherisch hohen Absätzen, ein ärmelloses schwarzes Kleid und einen hellblau-weiß karierten Kaschmirmantel mit Pelzbesatz ("Kunstpelz", wie die Vertreterin der Plattenfirma betont) – und kommt hoffnungslos zu spät: Sie habe ihre Strümpfe nicht finden können. Derweil erzählt Placido Domingo Witze und Anekdoten. Mit Netrebkos Management gibt es die Vereinbarung, keine Fragen zum politischen Engagement der Sängerin für Wladimir Putin zu stellen. Das Interview findet in Jürgen Flimms Intendantenbüro im Berliner Schillertheater statt. Man bestellt Kaffee.

Anna Netrebko: (hat auf dem Sofa Platz genommen und tätschelt nervös den freien Platz zu ihrer Rechten) Placido, kommst du?

DIE ZEIT: (holt Luft)

Placido Domingo: (im Gehen) Das Wundervolle an Anna ist ... (er benutzt konsequent die Koseform ihres Namens, Anja, und setzt sich ganz vorn auf die Sofakante) ... und das meine ich ernst: Sie ist eine großartige Künstlerin, in jeder Beziehung. Sie macht den Menschen Freude, auch wenn es ihr selbst mal nicht so gut geht. Es gibt gravierende Probleme auf dieser Welt, wir alle haben damit zu kämpfen, jeder auf seine Weise. Anna aber macht uns das Leben leichter. Sie ist immer positiv, das ist ihr Charakter. Ich bewundere sie.

Netrebko lässt sich ins Polster sinken und bläst die Backen auf. Die Rollen sind verteilt:Domingo gibt den Grandseigneur, sie die kapriziöse Diva. Halb ist ihr seine Lobhudelei peinlich, halb scheint sie zu fürchten, man könnte sie nach Erwin Schrott fragen. Beim Fotoshooting vor 20 Minuten hat sie ihre Beziehung zu dem uruguayischen Bassbariton für beendet erklärt. Gerüchte hatte es seit Längerem gegeben.

ZEIT: Herr Domingo, wann haben Sie Anna Netrebkos Stimme zum ersten Mal gehört?

Netrebko: (singt von hinten) Paarsifaaal ...

Domingo: In einer Parsifal-Produktion unter Maestro Valery Gergiev, wir sind damit auch in Ravello aufgetreten, an der Amalfiküste, wo Wagner sich zu Klingsors Zaubergarten inspirieren ließ. Anna sang eines der Blumenmädchen ...

Netrebko: (kichert) ... in exzellentem Deutsch!

Domingo: ... und sie war das Juwel des Abends, der Diamant!

ZEIT: Das haben Sie natürlich gleich gehört.

Domingo: Natürlich! Die Blumenmädchen singen zwar oft zusammen, aber sie haben auch individuelle Phrasen ... (summt den Anfang von "Komm, komm holder Knabe!") ... da weiß man genau, was Sache ist. Damals habe ich zu Anna gesagt, du solltest dich bei Operalia anmelden, meinem Gesangswettbewerb ...

Netrebko: ... und ich schrie: Niemals! Ich bin nicht der Typ für Wettbewerbe. Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Wettbewerb mitgemacht.

Domingo: ... sondern lieber gleich Karriere! Das war mir auch recht. Als Direktor der Opernhäuser von Los Angeles und Washington hatte ich reichlich Gelegenheit, sie zu engagieren, lange vor ihrem Durchbruch: als Susanna, als Gilda, als Ilia ...

Netrebko: 1999 war das, im letzten Jahrhundert!

Domingo: ... Juliette, Lucia, Manon ... Mal habe ich dirigiert, mal war ich nur dein Operndirektor.

Netrebko: Aber jetzt arbeiten wir zum ersten Mal als Sänger richtig zusammen, das ist toll!

Domingo: Und es wird nicht das letzte Mal sein! Solange ich Tenor sang, waren unsere Repertoires nicht kompatibel. Ich bin 30 Jahre älter als Anna, ich war einfach zu spät dran, das habe ich immer bedauert. Doch jetzt singe ich Bariton, ich kann Annas Vater auf der Bühne sein, viele Väter ...

Netrebko: Liebhaber wären mir lieber.

Domingo: Gut, dann nehmen wir Verdis Macbeth, er und die Lady sind zwar kein besonders nettes Paar, aber spannend! Ich muss es noch einmal sagen: Seit ich Anna Netrebko in Los Angeles als Manon erlebt habe, ist sie für mich eine der bedeutendsten Sängerinnen aller Zeiten. In der Inszenierung trat sie hintereinander als Audrey —Hepburn, Elizabeth Taylor, Gina Lollobrigida, Marilyn Monroe und Sophia Loren auf ...