Leiser Applaus kommt aus der Tiefe des Raumes im Münchner Nationaltheater. Soeben ist ein Film zu Ende gegangen, nicht etwa die Oper Die Frau ohne Schatten von 1919. Die beginnt gerade erst. Am Anfang dieses denkwürdigen Münchner Opernabends stehen Ausschnitte aus einem berühmten Film von Alain Resnais, zehn Minuten lang werden sie gezeigt: Letztes Jahr in Marienbad. Schwarz-Weiß von 1961. Endloskamerafahrten durch Schlossgänge und Zimmerfluchten, schließlich ein Paar, Mann und Frau. Der Mann behauptet, man sei schon einmal hier gewesen, letzten Sommer vielleicht. Die Frau erinnert sich nicht und erinnert sich doch. War es Lust? Leid? Träumen? Wachen? Auf der Bühne lässt sich derweil die Kaiserin erschöpft auf eine Liege gleiten und von der Amme ein Analgetikum spritzen. Als die Nadel die Haut ihres Unterarms ritzt, setzt mit einem dröhnenden Schlag Richard Strauss’ Musik ein.

Von nun an, eingefangen durch eine einfache Analogie, wird in der überreichen, mitunter lässig genialen Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski nie mehr recht klar sein, ob das Personal der Frau ohne Schatten träumt, was es erlebt hat, oder erlebt, was es geträumt hat. Dabei ist die Handlung so schwer nicht zu durchschauen: eine Zauberflöten-Paraphrase. Allerdings von Hugo von Hofmannsthal, was heißt, dass doppelte Böden (und ein ideell vollgeräumter Speicher) inklusive sind. Kaiser und Kaiserin aus dem Feenreich bekommen wie Färber und Färberin aus dem Menschenreich keine Kinder, und nun sehnt sich die Kaiserin dorthin, wo es nach Aussage der Amme nicht mit rechten Dingen zugeht: "Uns riecht ihre Reinheit nach rostigem Eisen und gestocktem Blut und nach alten Leichen!" Auf die Erde also.

Kann sich die Kaiserin hier keinen Schatten erhandeln (sprich: Gebärfähigkeit), muss ihr Mann versteinern. Warlikowski und sein Ausstatterteam bringen die Geschichte der Annäherung zweier Welten auf ein Erzählniveau: Während die Kaiserin in einem Sanatorium Marienbadscher Prägung in ihr Unterbewusstes geht, reinigen die Färber die Gewänder. Gleiche Ebene, ungleiche Aussichten auf Befreiung. Wir sind, so ungefähr, in den Sixties, vielleicht.

Dass Warlikowski sein Personal in eine Umgebung schickt, die auf die Sanatoriumssituation in Thomas Manns Zauberberg verweist (Krankenschwestern, Kachelräume), ist nicht zufällig. Hofmannsthal variiert in der Frau ohne Schatten sozusagen einen Mannschen Zentralsatz: "Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken." Als der Färber Barak in der Oper auf die mitleidende Liebe kommt, hat er – frustriert von seiner Frau – das Beil zum Mord bereits in der Hand. Warlikowski lässt ihm das in einer großartigen Video-Animation durch einen Tsunami wegspülen, und so ist hier der Weg frei für einen Charakter, der auf seine grob-gutmütige Art zu den "schweren Leben" gehört, die nach Hofmannsthal an die "leichten" gebunden sind "wie an Luft und Erde".

Warlikowski – und das macht diese Produktion einzigartig und prägend auf lange Zeit – schafft mit seinen Bildern Gedankenräume. Vor 50 Jahren wurde das Münchner Nationaltheater mit der Frau ohne Schatten wiedereröffnet, jetzt erst drängt sich ihr Subtext auf: Kinder bevölkern die Szene, am Schluss gar massenhaft, mal unter symbolischen Falkenköpfen, mal als Psychiatrie-Sekretärinnen oder einfach als zauberhafte Zuschauer; ein Reh gebiert Rotkäppchen, ein Wald wächst und vergeht, und überhaupt ereignet sich hier ein Mirakel nach dem anderen. Und unter der Musik, wenn sie denn mal Platz hat, rumort die einschlägige Literatur: Kafka, Freud, C. G. Jung.