England im Sommer. In dem Park eines alten Landsitzes nahe der Nordseeküste riecht es nach Bier. Manchmal auch nach Marihuana. Zigtausende sind zum Latitude Festival gekommen. Ein Wochenende lang Livemusik, Lesungen, Stand-up-Comedy, Disco und einfach abhängen. Die meisten aber sind hier, um Kraftwerk zu hören. Die Erfinder des Elektropop haben in England Kultstatus. Für eine ganze Generation wurden der treibende Rhythmus und die eingängigen Melodien zum Soundtrack der Pubertät. Es ist eine Musik, die herausforderte und zugleich eine Ordnung bot, die Sinn machte im Chaos des Erwachsenwerdens. Dass Nena und Herbert Grönemeyer in Deutschland bekannter sind als Kraftwerk, ist jedem englischen Verehrer unbegreiflich. Es gibt Musikwissenschaftler, die Kraftwerk ohne Zögern in einem Atemzug mit Bach und Wagner nennen. Als die Band aus Düsseldorf Anfang des Jahres die Karten für zwei Konzerte im Londoner Museum Tate Modern ausgab, waren sie innerhalb von Minuten ausverkauft.

Der englische Autor David Buckley, der in München lebt, beschäftigt sich seit Langem mit Popmusik, in zahlreichen Biografien hat er das Leben und Werk von Elton John, David Bowie oder Roxy Music untersucht. Und jetzt hat er sich an die größte unter den lebenden Legenden gemacht, an Kraftwerk, eine Band, die sein Leben verändert hat. David Buckley verehrt Kraftwerk. Das wird schon im ersten Satz deutlich: "Ich bin nervös", schreibt er über seine erste Begegnung mit dem ehemaligen Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür. "Ich bin deshalb nervöser als gewöhnlich, weil Wolfgang anders als die meisten anderen Popleute, die ich treffe, fast so etwas wie einer meiner absoluten Lieblingsmusiker ist."

Wolfgang Flür ist eins der wenigen Kraftwerk-Originale, die David Buckley bei der Recherche für sein Buch helfen wollten. Ihren mythischen Status hat die Band nicht zuletzt durch ihre Verschwiegenheit erlangt. Saftige Einzelheiten über Streitereien innerhalb der Gruppe oder Zechgelage in Hotelzimmern, wie sie in jeder guten Pop- und Rockbiografie zu finden sind, gibt es kaum.

Kraftwerk fängt im Kopf an, und so beschreibt Buckley, von seiner Ehrfurcht befreit, die Wirrungen und Wandlungen der westdeutschen Nachkriegsjahre bis in die späten Sechziger, als Kraftwerk begann. Es war die Zeit, als die Jugend die Konventionen ihrer Eltern ablegte und sich der Gegenkultur des Pop anschloss. An der Kunsthochschule in Düsseldorf unterrichtete Professor Beuys Freiform Experimentalismus und organisierte "Happenings". Es war eine Kunst, die soziale Parameter verschieben wollte, so wie die Apollo-Missionen der Vereinigten Staaten von Amerika den Horizont der Menschheit damals ins Weltall verschoben. Den beiden jungen Musikern Ralf Hütter und Florian Schneider, die 1968 in Düsseldorf gemeinsam zu musizieren anfingen, kam es so vor, "als würde die Menschheit neu erfunden".

Im Geiste von Dada und Pop-Art nahmen sie Straßenlärm auf, den Sound des Alltags, und mischten ihn mit experimentellen Elektroklängen. Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Musiker das Quartett vervollständigt, aber Hütter und Schneider bildeten als "Kling und Klang" eine perfekte Einheit, die den Sound der Band über Jahrzehnte hinweg definierte. Einfache Harmonien im Wechsel mit emotionslosem Sprechgesang, unterlegt von einem monotonen Rhythmus, das war das neue Format. David Buckley schreibt: "Die beste Musik von Kraftwerk klingt so perfekt arrangiert, in der Einfachheit ihrer Rhythmen und Melodien so vollkommen, dass sie eine Schimäre von Idealen und platonischen Formen bietet, die nicht so sehr vom Menschen als vielmehr von etwas geschaffen wurde, das insgesamt nicht so menschlich und fehlbar ist."

Jede neue Platte offenbarte eine musikalische Weiterentwicklung – Hip-Hop, Electro Funk und Techno, der Kanon der zeitgenössischen Tanzmusik ist in Kraftwerk verwurzelt. Hier erweist sich Buckley als idealer Autor mit bester Kenntnis. Er beschreibt, wie die Popmusik weiterzog, aus dem Ausdruck einer Gegenkultur die emotionale Berieselungsindustrie der MTV- und YouTube-Generation wurde. Kraftwerk hielt sich von dem ganzen Zirkus fern. Die Musiker traten nicht in Talkshows auf, behalten ihr Privatleben für sich und haben alle Versuche von Superstars wie David Bowie und Michael Jackson, mit ihnen zu kooperieren, stets abgelehnt. Ernsthaftigkeit gehört zum Konzept. "Sie wünschen sich ein interessiertes, gebildetes Publikum, keine proletenhaften Konsumenten", analysiert Buckley.

Ernsthaft ist auch dieses Buch. Mit akribischer Genauigkeit berichtet der Autor von den Hindernissen der Recherche. Eine Reihe langjähriger "Kraftwerker" standen ihm Rede und Antwort, Ralf Hütter und Florian Schneider dann leider nicht. So konnte es ihm leider auch nicht gelingen, den Mythos Kraftwerk endgültig zu enthüllen.

Kraftwerk geht durch den Kopf – aber am Ende ist Kraftwerk natürlich Musik, und Musik ist für die Emotion, für die sich sträubenden Haare im Nacken. Das kommt in diesem Buch zu kurz. Buckley legt seine Verehrung am Anfang des Buches nieder, um beim Schreiben nüchtern zu sein, und tut das dann so ungerührt, wie Kraftwerk Musik macht. Das ist schade, denn wer einmal dabei war, wenn vier Männer in Anzügen stocksteif auf der Bühne hinter ihren Synthesizern stehen und Tausende Menschen mit ihrer genialen Musik und einer Lasershow verzaubern, der weiß, dass er etwas ganz Unvergessliches erlebt hat.