Teller oder Tank. Auf diese Formel wurde der Streit um Biokraftstoffe schon 2008 verkürzt. In diesem Herbst entfacht sich die Debatte von Neuem. Gerade verhandeln Unterhändler der europäischen Regierungen in Brüssel darüber, wie viel Biosprit künftig höchstens dem herkömmlichen Treibstoff in der EU beigemischt werden darf. Derzeit liegt die Quote bei zehn Prozent. Die EU-Kommission fordert eine Halbierung dieses Anteils. Sie hat eingesehen, dass der Biospritboom ungewollte Folgen hat. Er gefährdet in etlichen Weltregionen die Ernährungssicherheit, fördert die Auslaugung der Ackerböden und treibt sogar die Abholzung der Regenwälder voran. So viel Einsicht der europäischen Gesetzesmacher ist selten und verdient eigentlich den Respekt der EU-Mitgliedsstaaten, allen voran den von Deutschland.

Stattdessen feilschen die Regierungen, als ginge es bei diesem Thema allein um die Frage, wie die Agrarindustrie möglichst wenig Schaden nimmt – und nicht auch um Menschenleben.

Der einstige Klimaretter Deutschland spielt – wie so oft bei umwelt- oder ernährungspolitischen Debatten – eine bigotte Rolle. Noch im Januar kommentierten Regierungsbeamte die Brüsseler Kehrtwende positiv: "Insbesondere wird die von der Kommission vorgeschlagene Obergrenze in Höhe von fünf Prozent von Deutschland ausdrücklich unterstützt." So schrieben sie in einer Depesche an die anderen Nationen im Rat der Mitgliedsstaaten.

Jetzt, kurz vor dem Abschluss der Verhandlungen, unterstützt Deutschland einen Kompromissvorschlag der litauischen Ratspräsidentschaft, der sieben Prozent Biospritbeimengung vorsieht. Was sind schon zwei Prozentpunkte, mag man denken. Die einfache Antwort: Für 842 Millionen Menschen sind es zwei Prozentpunkte zu viel. So viele Menschen haben laut Welthungerhilfe Tag für Tag zu wenig zu essen.

Schon als die EU den Ökotreibstoff 2008 zu einem Retter des Weltklimas ausrief, warnten Entwicklungsorganisationen wie Brot für die Welt vor höheren Lebensmittelpreisen, sollte Mais nicht mehr zu Tortilla, sondern zu Sprit verarbeitet werden. Politiker, aber auch viele Wissenschaftler hielten die Sorgen damals für übertrieben.

Mittlerweile jedoch steht fest: Die Warner hatten recht. Die massive Ausweitung der Produktion für Biokraftstoffe hat Folgen für die Weizen-, Raps- und vor allem Maispreise. Dies spüren Menschen in Kenia, Guatemala oder Mexiko bei jedem Einkauf. Die Preise für Maismehl haben sich vervielfacht. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat den Schuldigen ausgemacht: Agrosprit habe die Preisbildung am Getreidemarkt beeinflusst.

In diesem Jahr werden voraussichtlich sechs Prozent der weltweiten Getreideproduktion für Biokraftstoffe verwendet. In den Vereinigten Staaten stieg die Produktion von Ethanol zwischen 2000 und 2012 um 780 Prozent. In Brasilien wanderte über die Hälfte der Zuckerrohrernte in den Tank. Aus vier von fünf Litern der europäischen Pflanzenölproduktion wurde am Ende Treibstoff für Seat, Alfa oder Volkswagen.

Wenn nun der Bauernverband argumentiert, dass die Abfallprodukte von heimischem Raps, Getreide oder Zuckerrüben zu einem relevanten Teil Futtermittel für Tiere seien, mag das stimmen. Richtig ist auch, dass die Bevölkerungszahl in Europa und damit auch der Bedarf an Nahrungsmitteln in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen wird.