Der Bonner Musik-Archäologe Rainer Lotz hat mit einem Team von Experten gerade ein Jahrhundertwerk zur Vollendung gebracht. Sie sammelten Text- und Bilddokumente sowie 1.200 Tonaufnahmen schwarzer Künstler in Europa von den 1880er bis in die 1920er Jahre, darunter Hunderte von Titeln, die kommerziell noch nie verfügbar waren. Die von Lotz mit herausgegebene Box "Black Europe" füttert Sammlerträume mit Geschichten und Klängen, im selben Moment stellt sie einen Kulturschatz vor, der von Migration, Rassendiskriminierung und Auswüchsen der Kolonialmentalität erzählt.

DIE ZEIT: Herr Lotz, kann man mit einem Projekt wie Black Europe heute einen Ort der kollektiven Erinnerung schaffen?

Rainer Lotz: Ich denke, ja. Man wird ein Mammutwerk wie dieses kaum wiederholen können. Von nun an stehen die Informationen über vergessene Kulturen der ganzen Welt zur Verfügung.

ZEIT: Warum haben diese Dokumente bisher kaum Aufmerksamkeit erfahren?

Lotz: Das Publikum hat die Platten von Entertainern damals als Souvenirs erworben, das waren Aufnahmen im Varieté oder in der Music Hall. Als die ersten Forscher in Europa anfingen, sich mit schwarzer Musik und mit Jazz zu befassen, waren die Aufnahmen aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg herum teilweise schon seit 20 Jahren nicht mehr erhältlich. Und in den großen Jazz-Sammlungen sind sie nicht enthalten. Viele dieser Gruppen waren unter Puristen verpönt, eine schwarze Jazz-Kapelle musste wie Louis Armstrong und Fletcher Henderson klingen. Und wenn sie nicht so klang, dann war es kein Jazz.

ZEIT: Sie verlangen nun eine Würdigung dieser Kulturschätze.

Lotz: Viele dieser in Europa aufgenommenen Songs und Instrumentalstücke sind sensationell. In den zehner Jahren des 20. Jahrhunderts, als man Polka, Mazurka, Walzer und Rheinländer tanzte, produzierten Ensembles wie Ciro’s Club Coon Orchestra oder die Versatile Four eine ziemliche Kakofonie. Die Musiker droschen auf Schlaginstrumente ein, schossen mit Pistolen in die Luft, pfiffen auf Slidewhistles, setzten Banjo-Breaks in ihre Songs und schrien dazwischen. In diesen Darbietungen kann man Vorläufer des Jazz entdecken. Die Geschichtsschreibung in den USA hat das nicht wahrgenommen, in dem Moment, als diese Künstler amerikanisches Territorium verließen, befanden sie sich einfach nicht mehr auf dem Radar.

ZEIT: Gibt es keine vergleichbaren Aufnahmen aus den USA?

Lotz: In den USA hatten die Afroamerikaner zu dieser Zeit in der Regel keinen Zugang zu Tonstudios, sie konnten keine Aufnahmen machen. Das hat rassistische Hintergründe. Aber die Plattenfirmen sahen auch keinen Markt für schwarze Musik, weil das potenzielle schwarze Publikum viel zu arm war. In Europa dagegen gehörte zu jedem Kabarettprogramm ein schwarzer Künstler. Das nannte man dann Nigger Song and Dance oder auch Black and White, weil viele dieser Entertainer eine weiße Partnerin fanden, mit der sie auftraten. In Amerika wäre das völlig unmöglich gewesen.

ZEIT: Der Rassismus in Europa nahm andere Formen an. Europäer sahen in den Schwarzen Unterhaltungsbedienstete, die nach ihrer Pfeife tanzten und spielten. Die Abbildung einer humoristischen Wochenzeitung stellt einen schwarzen Entertainer im Frack mit einer Weißen im Ballkleid vor. Der Text beginnt mit der Zeile "Komm, du wilder Kannibale!" ...

Lotz: Natürlich gab es auch in Europa Rassismus, unter dem besonders unsere afrikanischen "Landsleute" litten. Die Ankündigungen und Bilder auf den Notenblättern sind rein rassistische Darstellungen. Schwarze Künstler haben in Europa einfach einen unglaublichen Sex-Appeal ausgestrahlt.