DIE ZEIT: Frau Präsidentin, die EU und die Ukraine haben jahrelang über eine Annäherung verhandelt. Nun ist der Deal geplatzt, weil Wladimir Putin interveniert hat. Ist Russland noch immer so mächtig?

Dalia Grybauskaité: Ich würde die Entscheidung, dieses Abkommen zu stoppen, nicht allein auf den russischen Einfluss zurückführen. Dazu gehören zwei Seiten. Nehmen Sie Litauen, zum Beispiel. Auch wir waren in der Vergangenheit mehrfach wirtschaftlichem und politischem Druck ausgesetzt. Aber wir haben diesem Druck standgehalten. Wenn man wirklich entschlossen ist, kann einen niemand zu irgendetwas zwingen.

ZEIT: Wer ist verantwortlich dafür, dass das Abkommen mit der Ukraine nicht zustande kommt?

Grybauskaité: In erster Linie die politische Führung der Ukraine, die dem Druck nicht standgehalten hat.

ZEIT: Die Ukraine ist das wichtigste von sechs osteuropäischen Ländern, die die EU versucht, an sich zu binden. Dieser Versuch ist vorerst gescheitert.

Grybauskaité: Ich würde nicht von einem Scheitern sprechen. Mit Moldawien, Georgien und Aserbaidschan unterzeichnen wir in dieser Woche wichtige Abkommen über Handelsbeziehungen und Visaerleichterungen.

ZEIT: Aber die Ukraine bleibt außen vor. Hat die EU den Einfluss Russlands unterschätzt?

Grybauskaité: Europa war nicht naiv. Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren sichtbare Fortschritte gemacht. Nun sollte sie die Wirtschaft liberalisieren, die Korruption bekämpfen und keine selektive Justiz mehr zulassen. Nur dann hätte sie auf die Hilfe der EU und des Internationalen Währungsfonds zählen können. Möglicherweise war die Versuchung für die Regierung in dieser Situation zu groß, nach einem anderen Weg zu suchen, Kredite ohne Auflagen zu bekommen.

ZEIT: Kann man ihr das überhaupt vorwerfen?

Grybauskaité: Man bekommt kein Geld umsonst. Die Wettbewerbsfähigkeit der Ukraine wird sinken, die Demokratisierung langsamer vorankommen, und die Abhängigkeit vom Kreml wird immer größer werden. Der Ukraine steht das Schicksal Weißrusslands bevor.

ZEIT: Und die EU verliert in Osteuropa Einfluss.

Grybauskaité: Europa wird immer offen bleiben für Länder, die sich ernsthaft demokratisieren und wirtschaftliche Reformen anstreben.

ZEIT: Vielleicht ist die EU gar nicht so attraktiv, wie sie von sich gedacht hat.

Grybauskaité: Ich glaube, dass die EU für die Länder in unserer Nachbarschaft sehr attraktiv ist. Die Reformen, die wir von der Ukraine verlangen, würden dem Land und seinen Menschen helfen. Ohne diese Reformen wird die Ukraine ihre gegenwärtige Wirtschaftskrise nicht überwinden. Aber für solche Entscheidungen braucht es Mut und politischen Willen. Wenn die fehlen, begibt man sich in die Abhängigkeit von sogenannten Freunden.

ZEIT: Sie meinen: in die Abhängigkeit von Putin.

Grybauskaité: Das Verhalten Russlands gegenüber Ländern wie der Ukraine, Moldawien oder Georgien zeigt, dass dieses Land nach wie vor zu sehr unzivilisierten Methoden greift ...