ZEITmagazin: Herr Pellegrin, Leser kennen Sie unter anderem von Ihrer früheren Fotokolumne im ZEITmagazin. Seit vielen Jahren fotografieren Sie den israelisch-palästinensischen Konflikt. Was zieht Sie immer wieder dorthin?

Paolo Pellegrin: Das erste Mal war ich zu Beginn der zweiten Intifada dort, in den Jahren 2000 und 2001. Ich habe übrigens immer über beide Seiten berichtet. Nicht nur über die Opfer auf palästinensischer, sondern auch über Terroropfer auf israelischer Seite. Manchmal fühlt man sich bestimmten Themen verbunden. Und Dokumentarfotografie hat ja auch etwas mit Geschichte zu tun. Die Situation in Israel und Palästina entwickelt sich auf dramatische Weise weiter, und es hat mich interessiert, das langfristig zu verfolgen.

ZEITmagazin: Bei der Operation "Gegossenes Blei" wurden Anfang 2009 innerhalb von drei Wochen über 1200 Menschen in Gaza getötet und nach Angaben palästinensischer Menschenrechtsorganisationen mehr als 5000 verletzt. Was war der Anlass für Sie, das Schicksal der Opfer in dieser Fotoserie zu dokumentieren?

Pellegrin: Ich konnte während der Offensive nicht in die Region reisen. Als ich dann einige Monate später nach Gaza kam, war ich sehr betroffen vom Ausmaß der Zerstörung. Ich habe viele Konflikte gesehen, ich habe die israelische Militäroffensive im Südlibanon 2006 erlebt. Aber als ich nach Gaza kam, lag diese Gegend buchstäblich in Trümmern – Schulen, Häuser, Straßen. Und dann diese hohe Anzahl an Toten und Schwerverletzten. Neben militärischen Zielen wurden eben auch sehr viele Zivilisten getroffen, und zwar in so einem Ausmaß, dass man die Angriffe auch als kollektive Bestrafung einer ganzen Gesellschaft deuten konnte. Die ersten Bilder für diese Serie machte ich 2009, reiste dann aber in den Jahren danach immer wieder nach Gaza. Ich hatte das Gefühl, ich muss daran weiterarbeiten, weil es eine unerzählte Geschichte ist. In allen Konflikten ist es so: Wenn sie vorbei sind, interessiert sich bald keiner mehr für die Verletzten. Ich wollte nicht, dass sie in Vergessenheit geraten.

ZEITmagazin: Alle Fotos, die wir hier zeigen, wurden 2012 aufgenommen. War es schwer, die Menschen zu überreden, sich von Ihnen fotografieren zu lassen?

Pellegrin: Manche haben sich geschämt, denn sie sind nicht mehr die, die sie mal waren. Aber meistens hatte ich das Gefühl, dass sie sich sehr für das Projekt interessierten, weil sie erzählen wollten, wie ein einziger verhängnisvoller Tag alles in ihrem Leben verändert hat.

ZEITmagazin: Einige der Verwundeten berichteten, dass die Verletzungen durch Phosphorgranaten entstanden seien, deren Einsatz gegen Menschen nach internationalem Recht verboten ist. Phosphor verursacht schwerste Verbrennungen, weshalb diese Waffen nur als Nebelgranaten verwendet werden dürfen und nicht in besiedelten Gebieten wie Gaza. Lassen sich die Aussagen der Zivilisten überprüfen?

Pellegrin: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich arbeite in Gaza mit einem Assistenten zusammen, der in Kontakt steht zu dortigen Menschenrechtsorganisationen. Ich will mit den Bildern nicht für oder gegen eine bestimmte Sache agitieren, ich versuche, Geschichten zu sammeln. Was mir die Menschen in den Kurzinterviews über den Hergang der Verwundungen erzählen, sind zunächst mal ihre eigenen Worte. Wir überprüfen das dann, so gut es geht, anhand von Dokumentationen der Menschenrechtsorganisationen. Ich weiß, dass mit Geschichten in diesem Konflikt auch Propaganda gemacht wird. Was die Verwendung von Phosphor angeht, besteht mittlerweile Einigkeit unter Menschenrechtsgruppen und Medizinern, dass die israelische Armee ihn verwendet hat. Ich persönlich kann das nicht mit absoluter Sicherheit bestätigen – ich war nicht dabei. Aber prinzipiell tendiere ich dazu, diesen Menschen erst mal zu glauben, in diesem Fall vor allem deshalb, weil es so viele Aussagen gibt, die sich decken. Man kann sich natürlich fragen, warum ich ausgerechnet dieser Militäroperation eine Fotoserie widme, aber "Gegossenes Blei" war eben so ein Einschnitt, dass ich mich darauf konzentrieren wollte. Ich nutze die Fotografie hier als ein Werkzeug, um – ich glaube, man kann das so sagen – Menschenrechtsverletzungen aufzuzeigen.

ZEITmagazin: Daher auch die eher nüchterne Bildsprache?

Pellegrin: Ja, die Bilder sind sehr einfach und direkt. Es geht mir um die Dokumentation. Nicht um einen künstlerischen Anspruch.