Ich bin ein Nachkriegskind vom Jahrgang 1956. Mein Vater, 1920 geboren, war Nachkriegspfarrer bei Halberstadt am Ostharz. Ein Bewahrter, so begriff er sich. Den spät berufenen Theologen der Heimkehrergeneration blieb ihre Vorgeschichte Lebenswarnung. An die Stelle volksideologischer Rassenmoral trat der eigenverantwortliche Mensch. Als verwerflich galt nun jedwede Idee, die sich Gottes Platz anmaßte. Vater verfocht Luthers Zwei-Reiche-Lehre: der Obrigkeit zu geben, was ihr gebührt, aber Gott das Seine. Im Konfliktfall müsse das Gewissen entscheiden, insbesondere gegen die Doktrin vom gerechten Krieg. Du sollst nicht töten – das stand und steht als Gottes oberstes Gebot.

In meiner Kindheit war das Konsens. Im Dorf kursierte der Spruch: Dem Deutschen, der je wieder ein Gewehr ergreift, möge die Hand abfallen. Auf den Anrichten der Bauernstuben standen Fotos junger Männer in Wehrmachtuniform, geziert von einem Trauerflor. Viele Frauen gingen in Schwarz, jahrein, jahraus.

Vor nunmehr vierzig Jahren war ich Lehrling, im Erzgebirge. Am 28. März 1973 wurden wir "gemustert". Zwei Zimmergenossen verdingten sich für 25 Jahre, Offizierslaufbahn, Spezialwunsch Grenze. Wir fragten den einen: "Und was machst du, wenn du an der Grenze stehst, und deine Mutter will abhauen?" – "Gut zielen", sagte er. "An der Grenze kenn ich keine Mutter."

Auch dieses Erlebnis brachte mich zur Theologie. Ich studierte, machte Examen und wurde Vikar. Die Armee hatte ich vergessen – sie mich keineswegs. Im September 1982 erhielt ich eine vorgedruckte Karte mit dem gestempelten Schreckenswort: Einberufungsüberprüfung. Längst war der Frieden von Honeckers Gründerjahren der Raketenzeit gewichen. Die Ost-West-Konfrontation kochte hoch. Ich schrieb eine Eingabe: Ich lehne den Waffendienst ab. Das Wehrkreiskommando lud mich vor. Sechs Uniformierte harrten des unbotmäßigen Zivilisten: Verweigerungsgründe lächerlich! Der nächste richtige Krieg werde mir den Jesusquatsch austreiben. "Bürger", orgelte der Obrist, "ich berufe Sie ein! Wegtreten!" In meiner Not lief ich zu Manfred Stolpe. Der war damals Konsistorialpräsident der Berlin-Brandenburgischen Kirche. Stolpe sprach, er werde sehen, was sich tun lasse. Vier Tage vor dem Gestellungstermin kam Nachricht vom Konsistorium: keine Einberufung. Ich heulte vor Glück. Und fragte nicht, kraft welcher Künste Stolpe hatte helfen können.

Die DDR war ein atheisiertes Land und blieb es. In Sachsen-Anhalt, dem Quellgebiet der Reformation, leben heute die wenigsten Protestanten Deutschlands. Es füllte ja keine genuin christliche Bewegung die Gotteshäuser in der späten DDR. Der moralische und wirtschaftliche Niedergang des Staats trieb kritische Menschen in die Schutzhütten des offenen Worts und dann, im Herbst 1989, auf die Straßen. Es geschah das Wunder der Friedlichen Revolution.

Die deutsche Vereinigung führte zwei protestantische Kirchengeschichten zusammen: die staatsnahe der alten Bundesrepublik und die staatsferne der DDR. Zum größten Streitpunkt wurde die Militärseelsorge. Viele volkskirchliche Verlustängste hatten die ostdeutschen Kirchen bereits ausgestanden. Sie wussten sich längst als Minderheit, rigoros geschieden von der Macht. Christsein in der DDR war Gesinnungsethik. Wie anders funktioniert die Trennung von Kirche und Staat in der Bundesrepublik. Rechtlich und institutionell ist sie säkular verfasst, fördert jedoch die christlichen Kirchen in vielfältiger Weise und beansprucht deren moralisches Fundament. Das stützt auch konservative Kirchenstrukturen und Besitzstandsdenken, das stärkt die priesterliche Kirche und schmälert ihre prophetische Potenz. Es gab in der DDR durchaus einen Glaubensdünkel: Christsein im SED-Staat, das war dem Kreuze näher als der laue bundesdeutsche Wohlstandsglaube.

Diese moralisch komfortablen Zeiten sind vorbei. Alle Kirchen haben sich einzulassen auf die res publica, die öffentlichen Angelegenheiten der Zivilgesellschaft – auf Ökologie und medizinische Ethik, auf Bildungspolitik und wirtschaftliche Fragen. Was bedeutet Christsein in einer "marktförmigen Demokratie", die das Staatsziel soziale Gerechtigkeit aus den Augen verliert? Wie lernen wir den Umgang mit der ethnischen und religiösen Vielstimmigkeit unserer Welt – ohne Verzicht auf christliche Gewissheit, aber höchst eingedenk des Unterschieds zwischen Protestantismus und Leitkultur? Wie erfahren, wie vermitteln wir das Geheimnis des Glaubens? Und, höchst dringlich: Wie begegnen wir der militärischen Zurüstung unserer Gegenwart? Wie vernehmlich sagen wir NEIN zur Perversität ständig steigender deutscher Waffenexporte?

Weltweit boomt das Geschäft mit Mord und Totschlag. Hinter den Marktführern USA und Russland belegt Deutschland Rang drei. Deutsche Soldaten "fallen" während sogenannter Auslandseinsätze deutschen Waffen zum Opfer oder sammeln sie "friedensstiftend" wieder ein. Das macht dann günstigerweise neue Waffenexporte nötig. Man verzeihe den Sarkasmus. Er ist notgeboren. Zudem gibt es die marschierende Bereitschaft, "Waffengänge", "robuste Mandate" und "Auslandseinsätze" als "Verantwortungspolitik" eines erstarkten Deutschland zu bezeichnen. Das revidiert, was wir Deutschen seit 1945 ein für alle Mal gelernt zu haben glaubten: Von Deutschland darf nie wieder Krieg ausgehen.

Das neue Deutschland wird immer mehr zum Akteur einer militärgestützten Interessen- und Machtpolitik des sogenannten Westens. Die Friedensverpflichtung des Grundgesetzes weicht auf. Handstreichartig wurde 2010 die Bundeswehr umgeschaffen: von der Bürger- und Verteidigungsarmee zur global operierenden, interventionsfähigen Eingreiftruppe. Diese neue Bundeswehr promoviert gewissermaßen zur Generalbevollmächtigten deutscher Friedensverantwortung, als ließen sich politische Konflikte militärisch lösen. Wirtschaftsinteressen werden freiheitsideologisch verbrämt. Und immer und zu allen Zeiten wird vollkommen ausgeblendet und verdrängt, was Gewalt anrichtet. Und welchen Lustgewinn sie den Tötenden verschafft.