In der Wohnzimmerecke von Ilídio Pastor Santos steht ein Computer mit einer Webkamera und einem Kopfhörer. An den kalten Herbsttagen verbringt er manchmal Stunden an diesem Ort; das Internet ist seine Brücke in eine Welt, in der gerade 25 bis 40 Grad Hitze herrschen, wo seine Mutter und seine vier Geschwister wohnen, wo auch seine besten Freunde leben, "mit denen ich eigentlich jeden Tag per Skype telefoniere".

Der 21-Jährige stammt aus Rocha Miranda, einem Vorort im armen Norden von Rio de Janeiro – aber im Juli ist er, durch eine Verkettung von vielen Zufällen, im dritten Stock dieses Wohnblocks am Rande von Flensburg gelandet.

Santos ist ein Fußballprofi aus Brasilien, elf Jahre lang ausgebildet beim Topverein Fluminense in Rio de Janeiro; ein drahtiger Typ mit krausen Haaren, der schon immer den Sprung nach ganz oben schaffen wollte. Er träumte von der zweiten oder gar der ersten Bundesliga. "Ich würde auch zu irgendeinem großen Verein in Europa gehen." Aber das Leben verlief ganz anders als gedacht. Seit Juli 2013 spielt Santos für den Eisenbahner Turn- & Sportverein Weiche von 1930 e. V. mit Sitz in Flensburg. Für einen Verein, der erst kürzlich in die Regionalliga aufgestiegen ist; Santos will hier entdeckt werden. "Ich sehe es als eine Ausbildungsphase an", sagt er, "in ein bis zwei Jahren kann ich größere Vereine finden."

Neymar, Ronaldinho, Ronaldo, Kaká: Lang ist die Liste der großen Fußballspieler, die von brasilianischen Vereinen ins Ausland wechselten und zu Weltstars wurden. Ihre Erfolge treiben Jahr für Jahr Tausende junge Brasilianer in die escolinhas, die Ausbildungsabteilungen der großen Fußballvereine, oder in spezialisierte Trainingszentren, die von Spielerberatern und Transferagenten betrieben werden.

Doch die wenigen Spieler, die es wirklich ins Ausland schaffen, landen üblicherweise nicht in der Bundesliga oder der Premier League: Brasilianische Spieler wurden zuletzt auch nach Russland und China, Albanien und Kasachstan, Vietnam und in die Ukraine verkauft. Und ein beachtlicher Teil landet nicht einmal bei den Profis, sondern in den unteren Ligen bei Amateurvereinen. Nach Schätzungen von Martin Curi, Fußballforscher im Dienst des Nationalmuseums in Rio, sind derzeit Hunderte brasilianischer Fußballspieler allein in Deutschland untergekommen.

In seiner neuen Heimat Flensburg hat Ilídio Santos noch nicht viele Orte für sich entdeckt: Täglich besucht er den Sprachkurs an der Volkshochschule, gelegentlich die kleine evangelikale Freikirche von Pastor Hansen und viermal in der Woche den Platz des ETSV Weiche. "Natürlich war es ein Schock, hier anzukommen", erinnert sich der Brasilianer. Diese Kälte, diese ernsten Norddeutschen – "Selbst wenn ein Tor gefallen ist!" Aber er sagt auch: "Flensburg ist eine Chance, die mir Gott geschenkt hat."

"Ich habe hier einen Brasilianer!" Dieser Satz elektrisierte alle

So viele Zufälle! Santos’ Schwester hatte vor etlichen Jahren einen Deutschen geheiratet, einen Mann aus Flensburg. Der hatte im Sommer spontan entschieden, dass er seinen Schwager doch mal in die Heimat mitnehmen und dem Trainer des ETSV Weiche vorstellen könnte. "Ich habe hier einen Brasilianer", hatte er nur gesagt.

Jetzt oder nie, müssen sich die Vereinschefs gedacht haben, als sie da einen ausgebildeten Spieler von Fluminense zu Gesicht bekamen. Schnell wurde für den Brasilianer ein Sprachkurs organisiert, ein Visum und rund 900 Euro Lebenskostenbeihilfe im Monat. Jetzt oder nie, hat sich auch Ilídio Santos gedacht: Seine Karriere in Rio de Janeiro, beim Zweitligisten Portuguesa Carioca, wollte nicht recht durchstarten. Als Topstar kann man in Brasilien großartig verdienen, aber nicht einmal die Hälfte aller Profifußballer bekommt mehr als den Mindestlohn von umgerechnet knapp 250 Euro im Monat.