Manchmal muss man liebgewonnene Vorurteile über den Haufen werfen: zum Beispiel die über Computerfreaks als lebensfremde Chipsfresser. Oder, dass sie in einem Fantasiereich fernab der Realität lebten. Dass, wer in dieser Welt erfolgreich sein will, Adiletten und T-Shirt trage und rüde Manieren besitze. All das gehört in den Stereotypenschredder – zumindest im Fall von Goodgame Studios, einem rasch wachsenden Unternehmen aus Hamburg. Es entwickelt Onlinegames, kleine Spiele für Gelegenheitsdaddler.

Goodgame ist die Welt von Kai und Christian Wawrzinek, zwei Aufsteigern in der elektronischen Unterhaltungsindustrie. Ihre Firma liegt im geschäftigen Stadtteil Bahrenfeld.

Über ein saniertes Fabrikgelände führt der Weg an wilden Wiesen und einem schilfbestandenen Weiher vorbei zur Firmenzentrale. Das Rauschen der nahen Autobahn vermischt sich mit Vogelgezwitscher, und am Rande dieses kleinen Naturidylls liegen die Goodgame Studios, die noch vor wenigen Jahren ein Start-up im elterlichen Kellergeschoss waren und heute ein rasant wachsendes mittelständisches Unternehmen sind.

Drinnen werkeln konzentriert, fast andächtig rund 500 Entwickler, Programmierer, Personaler und Verkäufer am Home-Entertainment von heute. Nirgends läuft Musik, kaum einer redet.

Der eine Bruder ist Kieferchirurg, der andere Jurist. Beide mit Doktortitel

Die Dichte an zauseligen Jungs und Frauen mit Heavy-Metal-Hemden ist auf den fünf Etagen fraglos höher als in der Postfiliale, die nebenan liegt. Ansonsten ist das Ambiente aber ähnlich nüchtern. Selbst der übliche Tischkicker fehlt zwischen diesen endlos anmutenden Schreibtischreihen. Hier also werden neun Casual Games entwickelt und vermarktet . Bei allen handelt es sich um dramaturgisch schlichte, farblich knallige Strategie- und Aufbauspiele, das populärste von ihnen heißt Empire, andere tragen Titel wie Farmer, Fashion, Galaxy und Gangster. Um in diese virtuellen Welten einzutauchen, braucht es nicht mal eine klassische Videokonsole oder eine Spiele-DVD. Ein Internetbrowser genügt, los geht’s.

"Klassische Familienunterhaltung" nennt Christian Wawrzinek das Angebot, in dem sich rund 157 Millionen Spieler aus praktisch jedem Land der Erde ihre fiktiven Internetgemeinschaften aussuchen und sich dort einrichten.

Versorgt werden sie von zwei Unternehmern, die nur bedingt zum Bild des Nerds passen. Kai und Christian Wawrzinek spielen selbst nur noch, um zu sehen, was die Konkurrenz so treibt. Sie huldigen einer weltweiten Expansion unter einer starken Führung ebenso wie dem Credo des unbedingten Teamworks. Und sie behaupten, Spaß sei ihnen ähnlich wichtig bei ihrer Arbeit wie unablässiges Wachstum. "Zwei Vollblutunternehmer", nennt sie Christian Brehm vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU).

Ihre Leitvokabeln, so sagen es die Brüder, seien "bodenständig und substanziell" sowie "Solidität und Nachhaltigkeit". "Wir denken immer langfristig", sagt Geschäftsführer Kai Wawrzinek – wer wollte ihm da widersprechen? Ebenso wie sein für die Produkte verantwortlicher Bruder kann er minutenlang über "Optimierungsprozesse und Managementstrukturen" referieren. Diese Unternehmenslyrik klingt fast ebenso blumig und inhaltsleer wie die Selbstdarstellung eines beliebigen Verbands mittelständischer Weltmarktführer.

Zugleich vermittelt die Firma den Eindruck, dass es sich hier nicht um reine Worthülsen handelt, dass mehr dahintersteckt.

Vor allem ist das Tempo von Goodgame erstaunlich. Vier Jahre nach dem Start sind die Studios ein Global Player – bei Kundschaft, Absatz, Personal. Wenn es so weitergeht, holen sie den Hamburger Konkurrenten und Marktführer Bigpoint mit seinen 50 Spielen und 330 Millionen Nutzern bald ein.