Bleibt der Boiler kalt, fährt Robert Ginn los. Der Boilernotfall ist seit 30 Jahren sein Business. Im roten Lieferwagen holpert er über die Straßen Londons, das Ziel ist meist ein erkaltetes Haus, das es zu erwärmen gilt, schließlich hat Robert’s Quality Plumbing einen Ruf zu verlieren.

An einem Novembermorgen hält Robert Ginn im Vorort Chingford. Viele Häuser hier sind um die hundert Jahre alt und bieten den von Touristen so geliebten Anblick: Erker an Erker, Sims ans Sims, Schornstein an Schornstein, rote Ziegel überall – etwas schief alles, aber pittoresk.

Jarry Williams ist mit ihrer Familie erst vor ein paar Monaten hierher gezogen, das alte Haus war halbwegs erschwinglich. Vor ihrer Eingangstür stehen Kinder-Gummistiefel, in die hat Williams Kräuter gepflanzt. Es soll ein hübsches Zuhause werden, aber es ist kalt. Ginn schraubt in der Küche den Boiler auf. Der Luftdruck im System ist viel zu niedrig. Er pumpt mit einer Art Blasebalg Luft in das Gerät. Der Boiler ist zwar neu, aber der Rest der Heizanlage nicht. Zurzeit ist die Familie mit Renovieren beschäftigt, die Heizanlage gehörte jedoch bisher nicht zu den Erneuerungsprojekten. Heizen überhaupt ist so ein Thema: Richtig warm werde es nie, sagt Williams, und weil Erdgas so teuer sei, könne man den Boiler auch nicht so oft anwerfen.

Williams erklärt, dass sie schon Wände rausgerissen und das Klo ausgewechselt hätten. Aber neue Heizkörper? Damit der Boiler seine ganze Kraft auch ausleben kann? Jeder Heizkörper mit Thermostat? Auf keinen Fall, zu teuer! Ob sie das Dach des alten Hauses mal isolieren wolle, um den Wärmeverlust gering zu halten? Nein, zu teuer, außerdem: "Bringt eine Isolierung denn überhaupt was? Wird es im Haus dann wärmer?", fragt sie. Robert Ginn kommentiert das nicht, wackelt in seinen Sicherheitsschuhen hin und her und schlürft Tee aus einer Tasse, die das Bildnis von William und Kate ziert. Sonnenlicht fällt durch beschlagene, einfach verglaste Schiebefenster auf den gluckernden Boiler. Der wird jetzt neu gestartet.

Die Bedeutung der Boiler im britischen Alltag ist kaum zu überschätzen. Jede Wohnung und jedes Haus hat einen eigenen. Es sind riesige, rechteckige Kästen. Ob ihrer Unförmigkeit werden sie gern in Schränken versteckt, in Abstellräumen angebracht – oder gleich ausgelagert, in einen Schuppen im Garten. Der Boiler versorgt die britische Heimstatt mit Wärme, Heizung und Dusche hängen an ihm. Manche Briten lassen ihren 30 Jahre lang nicht auswechseln; andere schließen eine Versicherung ab und lassen das Gerät halbjährlich warten. Sogar der Buckingham Palace heizt mit Boilern; dort hat man die Geräte seit 60 Jahren nicht erneuert, wie kürzlich bekannt wurde. Jeden Tag im Winter möchte Großbritannien morgens seine Boiler einschalten, auf dass ein "Pfump" ertöne und die Heizung anspringe. Das Land hängt am Boiler, doch immer öfter bleibt dieser Boiler im Winter aus.

Drei Millionen Briten müssen sich entscheiden: Heizen oder essen?

Denn Heizen ist für viele Briten zu teuer geworden. Die Energiepreise im Vereinigten Königreich sind dieses Jahr von den großen Anbietern zu Beginn der Heizperiode um etwa zehn Prozent angehoben worden. Eine einleuchtende Begründung gaben die Unternehmen nicht. Seitdem droht noch mehr Menschen als zuvor das, was man hierzulande "Heizungsarmut" nennt: wenn jemand nicht mehr genug Geld aufbringen kann, um sein Haus zu heizen. Offizielle Statistiken sprechen von circa drei Millionen akut betroffenen Briten, die sich entscheiden müssen: heating or eating, heizen oder essen? Die Heizungsarmut ist sowohl in den Städten verbreitet, weil dort die Lebenshaltungskosten hoch sind, wie auch auf dem Land, weil dort oft mit dem teuren Erdöl anstatt mit dem günstigeren Erdgas geheizt wird. Schon zeigt die konservative Regierung ihre soziale Seite und lässt bei den Ärmsten der Armen umsonst neue Boiler einbauen, die effizienter laufen. Selbst wohlsituierte Familien schränken sich ein: Geheizt wird bei vielen nur noch jeweils morgens und abends eine Stunde.

Auch die Queen würde ihre Energierechnung gern drücken. 3,6 Millionen Euro kostet es pro Jahr, den Buckingham Palace zu wärmen, er ist das energetisch ineffizienteste Gebäude Londons. Doch für den dringend nötigen Boileraustausch reicht das königliche Budget nicht. Da geht es der Monarchin nicht anders als der Mehrheit der englischen Hausbesitzer: Auch sie haben für Reparaturen kein Geld, auch ihre Häuser sind nicht gut in Schuss, und die Wärme, die die Boiler in sie hineinpumpen, verpufft durch altes Mauerwerk und einfach verglaste Schiebefenster nach draußen. Die Konsequenz für die normalen Bürger: Der Boiler bleibt aus.