Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich möchte beschreiben, wie ich mir zu einer umstrittenen politischen Frage, in der ich anfangs unsicher war, eine Meinung gebildet habe. Es handelt sich um das Verbot der Prostitution. Alice Schwarzer und andere fordern seit Wochen, dass es verboten werden soll, dass Menschen für Sex Geld bezahlen. Da habe ich mir überlegt, aus welchen Gründen Menschen überhaupt miteinander Sex haben oder miteinander schlafen oder wie immer man es nennen will. Warum tun Menschen das? Sind es, von der Prostitution abgesehen, immer über jeden moralischen Zweifel erhabene Gründe? Und, falls nicht: Was davon soll erlaubt bleiben, und was soll verboten werden?

Menschen haben Sex, weil sie eine Beziehung oder eine Ehe führen und sich sowohl körperlich als auch charakterlich anziehend finden. Menschen haben Sex, weil sie seit Jahren daran gewöhnt sind, obwohl die Anziehung zwischen ihnen stark nachgelassen hat. Menschen haben Sex, weil sie die andere Person körperlich anziehend finden, an eine weiter gehende Beziehung denken sie dabei nicht. Menschen haben Sex, weil sie unter Alkohol oder Drogen stehen und ihr Urteilsvermögen reduziert ist. Menschen haben Sex, weil sie sich davon berufliche Vorteile versprechen, etwa mit Vorgesetzten. Menschen haben Sex, weil die andere Person reich ist und ihnen ein luxuriöses Leben verspricht. Menschen haben Sex, weil die andere Person berühmt oder mächtig ist. Menschen haben Sex, weil sie in diesem Moment gerade Lust darauf haben. Menschen haben Sex aus Angst, alleine zu sein, um sich an ihrem Partner für dessen Seitensprung zu rächen, um etwas für ihr Image zu tun, aus Mitleid, aus Dankbarkeit, aus einer Laune heraus, die ihnen am nächsten Tag rätselhaft vorkommt, weil sie nach Abwechslung suchen, aus Neugier, aus Langeweile, weil ihnen jemand Geld dafür gibt, weil sie Geld dafür bezahlen, weil sie verliebt sind oder weil sie sich durch Schmeicheleien haben überreden lassen.

Das alles gibt es zweifellos, und noch etwa tausend andere Gründe, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Manche Gründe finde ich gut, andere nicht. Aber bei dem Gedanken, dass der Staat darüber entscheiden soll, aus welchen Motiven heraus Sex, und zwar freiwilliger zwischen Erwachsenen, erlaubt sein soll und aus welchen nicht, wird mir schwindelig.

Dann habe ich über Berufe nachgedacht. Alice Schwarzer sagt, Sex sei ein demütigender Beruf. Es gibt Leute, die alten Menschen Windeln wechseln und deren Genitalien waschen, andere sind Proktologen und stochern im Anus herum, wieder andere kümmern sich um Leichen oder massieren Fremden die Füße. Das ist alles notwendig, aber sehr intim, nicht jeder will das machen. Die Entscheidung, ob man eine Tätigkeit demütigend oder zu eklig findet, muss man den Leuten wohl selbst überlassen. Und Sex, ganz allgemein, finde ich sowieso nicht schmutzig oder eklig. Ohne Sex würde es mich doch überhaupt nicht geben, von Alice Schwarzer ganz zu schweigen. Ich glaube übrigens, ich wäre, wenn ich mich entscheiden müsste, viel lieber Prostituierter als Leichenwäscher oder Proktologe.

Wenn ich aber allein wäre und niemanden finden würde, der es mit mir tun möchte, vielleicht, weil ich zu hässlich bin, ganz übel rieche oder eine Krankheit habe, dann würde ich vermutlich auch Geld dafür bezahlen. Ich glaube, die Sehnsucht nach Sexualität ist kein krimineller Wunsch, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Jetzt, Frau Schwarzer, dürfen Sie mich verhaften.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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