DIE ZEIT: Herr Stamov Roßnagel, Sie forschen an einem universitären Zentrum für Lebenslanges Lernen in Bremen. Bis zu welchem Alter kann der Mensch Neues lernen?

Christian Stamov Roßnagel: Bis ins hohe Alter, praktisch sein Leben lang. Dass man im Alter nicht mehr lernen kann, ist ein großer, leider weitverbreiteter Irrtum. Die Lernfähigkeit selbst nimmt nämlich gar nicht ab, allenfalls lässt die Lerngeschwindigkeit etwas nach. Aber noch bei 70-Jährigen sind die Unterschiede im Vergleich zu Jüngeren oft so gering, dass es keinen Grund gibt, älteren Beschäftigten zum Beispiel andere, eher unbedeutende Aufgaben zuzuweisen.

ZEIT: Trotzdem spielt es heute bei vielen Unternehmen eine Rolle, wie alt man ist. Wenn es um neue Aufgaben und Themenfelder geht, traut man den Jüngeren oft zu, dass sie sich schneller einarbeiten.

Stamov Roßnagel: Ja, und das ist ein trauriges Missverständnis, das sich selbst nährt. Sobald jemandem ab einem gewissen Alter mal ein Fehler unterläuft, wird der oft auf das Alter geschoben. Das ist bei uns gesellschaftlich leider gang und gäbe. Wenn ein Mann um die 70 am Fahrkartenautomaten steht und nicht zurechtkommt, zweifelt man gleich an seinen kognitiven Fähigkeiten: Das ist zu modern für den Alten, der kommt damit nicht zurecht. Wenn aber ein 30-Jähriger dort Probleme hat, denkt jeder: Die Dinger sind einfach nicht benutzerfreundlich. Man macht für vieles automatisch das Alter verantwortlich, so kommt eine sich selbst stabilisierende Wahrnehmung zustande – die natürlich auch bei den Älteren verankert ist. Wir hatten mal mit einem Mitarbeiter einer großen Technologiefirma zu tun, er war Mitte 50 und sollte eine Computerschulung bekommen. Er aber sagte: Dafür bin ich zu alt. Gleichzeitig war er in seinem Verein Kassenwart und hatte dort von Kassenbuch auf Tabellenkalkulation umgestellt. Als wir nachfragten, meinte er: Klar, im Verein bin ich noch einer der Jüngeren, im Betrieb bin ich einer der Älteren. Dort sehe ich alt aus.

ZEIT: Die Redewendung "alt aussehen" steht für Misserfolg.

Stamov Roßnagel: Dabei spielt das Alter kaum eine Rolle, wenn man sich die Leistung ansieht. Es ist eher die Selbsteinschätzung, die ältere Mitarbeiter hemmt, wie wir in einer Studie zeigen konnten. Dazu haben wir uns bei einer Gruppe von Arbeitnehmern zwischen 50 und 60 Jahren zehn Stunden Zeit genommen, um ihnen in "Lernexperimenten" am eigenen Leib zu zeigen: Sie können genauso gut lernen wie ihre 30-jährigen Kollegen. Und siehe da, einige Monate später schnitten sie bei Lern- und Motivationstests tatsächlich genauso gut ab wie die jüngeren Kollegen und brauchten 20 Prozent weniger Lernzeit. Bei einer Vergleichsgruppe waren die älteren Mitarbeiter unverändert in Sachen Motivation und Lernleistung – offenbar, weil sie in dem Glauben gelassen worden waren, dass sie langsamer lernen als Jüngere.

ZEIT: Die Unterschiede zwischen den Altersstufen verschwanden also, sobald ein gesellschaftliches Vorurteil abgebaut wurde?

Stamov Roßnagel: Genau. Wir haben in Untersuchungen herausgefunden: Die meisten Unterschiede zwischen den Leuten werden durch Persönlichkeitsmerkmale, die Tätigkeit und ihre Ausbildung definiert – aber nicht durch das Alter. Man kann sowieso nicht von "den Älteren" sprechen, weil die Unterschiedlichkeit der Menschen mit dem Alter zunimmt.

ZEIT: Ältere hatten ja auch mehr Zeit, sich individuell zu entwickeln.

Stamov Roßnagel: Deshalb sind Ältere eben meist mehr "ausdefiniert", sie haben mehr Profil. Wenn zum Beispiel im Unternehmen die Führung nicht gut ist, dann gehen die Älteren eher auf die Barrikaden, während die Jüngeren mangelnde Wertschätzung um der Karriere willen häufig schlucken. Es heißt dann oft, Ältere seien weniger flexibel, aber das ist einfach erklärbar: Wenn man einiges erreicht hat, ein Haus, eine Familie, eine Stellung, dann ist eine Veränderung nun einmal bedrohlicher als bei jemandem mit Mitte 30. Das hat aber nichts mit dem Gehirn und der Lernfähigkeit zu tun.

ZEIT: Das heißt, ein älterer Mensch kann genauso gut lernen wie ein jüngerer Mensch?

Stamov Roßnagel: Oft übertrumpfen ältere Menschen Jüngere sogar, weil sie neue Informationen leichter in ihr größeres Vorwissen einordnen können. Auch die verbalen Fähigkeiten steigen konstant an und bleiben bis ins hohe Alter stabil: Die Sprachgewandtheit Älterer ist eindeutig höher. Grundsätzlich gilt: Je breiter, umfassender und komplizierter die Herausforderungen sind, desto kleiner sind die Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren.

ZEIT: Wie erklären Sie sich dann, dass bei Kombinations- und Rechenaufgaben 60-Jährige immer wieder schlechter abschneiden als 25-Jährige?

Stamov Roßnagel: Solche Laboruntersuchungen messen gezielt elementare Prozesse und beschränken die Nutzung von Vorwissen und Strategien so weit wie möglich. Zudem wird häufig die Reaktions- und Bearbeitungszeit gemessen. Da schneiden Jüngere in der Tat besser ab als Ältere.