Draußen dämmert es schon, als Helmut Dietl die Tür öffnet. Er empfängt im dritten Stock eines Jugendstilbaus in München-Schwabing. Es ist still im Haus, die dicken Mauern verschlucken jedes Geräusch von außen. Das Licht im Flur ist matt. In dieser Wohnung hat Dietl lange gelebt, heute zieht er sich hierher für Wochen oder auch Monate zurück, wenn er an seinen Drehbüchern schreibt. Er trägt eine schwarze Trainingshose und weiße Turnschuhe, das silbergraue Haar halb lang. Sein Gesicht ist leicht gebräunt. Er sieht jünger aus, als sein Alter vermuten ließe, Dietl ist 69 Jahre alt. Eine Woche vorher hatte er angerufen: Es gehe ihm sehr schlecht. Ob wir sprechen könnten?

DIE ZEIT: Was ist mit Ihnen?

Helmut Dietl: Ganz einfach. Es war Ende September, da wachte ich eines Sonntagmorgens auf und hatte Schluckbeschwerden. Das wurde immer schlimmer. Am nächsten Tag bin ich zu meiner Ärztin gegangen, die mich dann zu einer radiologischen Untersuchung geschickt hat, gleich am selben Tag noch. Es war eine Jugularis-Thrombose, die Thrombose einer Halsvene. Die wollten, dass ich sofort ins Krankenhaus gehe. Aber ich habe zu Hause erst einmal im Internet nachgeschaut, was eine Jugularis-Thrombose genau ist. Da stand, dass es in manchen Fällen, nicht so häufig, ein Zeichen für einen bösartigen Tumor ist. Ich dachte: "Na ja, wird wohl in meinem Fall nicht so sein."

ZEIT: Ganz untypisch für Sie, weil Sie sonst immer ...

Dietl: ... weil ich immer das Schlimmste vermute, ja. Ich glaube, da war der Wunsch der Vater des Gedankens. Na ja gut, daraufhin habe ich hier in München nach einigem Hin und Her ein MRT gemacht. Das war schrecklich, es war die Folter, weil es so laut ist. Eine sehr nette Dame hat mir Kopfhörer aufgesetzt. Ich habe also eine Dreiviertelstunde in diesem MRT-Gerät verbracht und hörte einerseits diese unsäglichen Geräusche und andererseits irgendeine Musik von Händel oder Bach. Ich war fix und fertig. Wenn meine Frau nicht bei mir gewesen wäre und ihre Hände nicht beruhigend auf einen meiner beiden Füße gelegt hätte, wär ich durchgedreht. Wie auch immer: Die Jugularis-Thrombose wurde bestätigt. Die haben mich dann in ein anderes Krankenhaus geschickt, nach Nymphenburg. Da wurde innerhalb von ein paar Tagen alles untersucht, und ich habe auf das Ergebnis vom Labor gewartet. Anfang Oktober bin ich dann mit der Tami ...

ZEIT: ... mit Ihrer Frau ...

Dietl: ... wieder da hingefahren. Und da saß der Chefarzt und hatte einen Kollegen dabei, der sich als Onkologe vorstellte. Da wusste ich es schon: Sie haben mir behutsam erklärt, dass es ein Karzinom ist, und es schaue nicht gut aus.

ZEIT: Sind das Ihre Worte: "Es schaut nicht gut aus?"

Dietl: Nein, das haben die Ärzte genau so gesagt. Ich habe geantwortet: "Ja gut, was schlagen Sie jetzt vor? Chemo? Das möchte ich nicht so gerne machen, schon gar nicht, bevor ich nicht mehr weiß." Ich habe dann noch eine Untersuchung gemacht, für die man radioaktives Wasser trinken muss, auch da war die Tami dabei. Ihre Anwesenheit hat mir sehr gutgetan, das war eine harte Sache. Nach der Untersuchung haben die Ärzte gesagt, sie hätten eine gute Nachricht. Die gute Nachricht war aber nur, dass es noch keine Metastasen gibt. Okay. Ich habe dann natürlich gefragt, wie lange man mit so einem Karzinom lebt. Da haben die gesagt: Das weiß man nicht.

ZEIT: Haben die Ärzte Ihnen nicht auch erklärt, dass man ein Karzinom heilen kann, wenn es keine Metastasen gibt?

Dietl: Na ja, heilen ... Ein paar Tage später hatten wir wieder eine Besprechung, da haben sie das Karzinom klassifiziert: IIIa. Ich habe gefragt: "Was heißt das?" Sagt der Arzt: "Also in dem Fall schlagen wir eine besondere Behandlung vor: Einmal die Woche etwa kriegen Sie eine Chemo und zwei Monate lang jeden Tag eine Bestrahlung."