© Krzysztof Lukasiewicz

Zuerst läuft man die elegante Krakowskie Przedmieście entlang, am alten Hotel Bristol und am inzwischen geschlossenen Hotel Europejiski vorbei. Am Ende der Straße steht, rührender gartenbaulicher Versuch, eine einsame Palme. Dort steigt man in den Bus und fährt eine halbe Stunde lang weiter geradeaus. Es ist kalt in Warschau Ende November. Der Tag ist grau, das Licht ist kaum angegangen und wird am frühen Nachmittag auch schon wieder abgeschaltet. Aus den Busfenstern sieht man rechts Plattenbauten, links Plattenbauten. Aussteigen in Wilanów an einer sechsspurigen Straße, an deren Rändern irgendwann in der polnischen Nachkriegszeit die Hochhäuser wie Kuchenkrümel verstreut wurden.

Joanna Bator wohnt in einem dieser Hochhäuser im zehnten Stock. Sie öffnet die Tür und ist: sehr dünn, sehr erschöpft, sehr bleich. Wir setzen uns in ihr Arbeitszimmer, und sie nimmt auf ihrem großen schwarzen Schreibtischstuhl Platz, in dem sie ein wenig zu versinken scheint wie ein Vogel in einem überdimensionierten Nest. Wenn sie schreibt, sagt sie, schaut sie immer aus diesem Fenster, aus dem man jetzt ein Meer aus erleuchteten Fenstern und den grauen Himmel von Warschau erkennt. So wie Joanna Bator dort jetzt sitzt an ihrem Schreibtisch über dem Warschauer Lichtermeer, sieht sie aus, als hätte der polnische Filmregisseur Krzysztof Kieślowski sie vor langer Zeit da hingesetzt und dann vergessen.

Die Wohnung ist asketisch eingerichtet, ein wenig japanisch, Masken, Blumengestecke. In einer Holzschale liegt der neue Roman des japanischen Kultautors Haruki Murakami wie eine kostbare exotische Frucht. Ja, sagt sie, er sei ihre große Liebe. Sie habe alles von Haruki Murakami gelesen. Sie bewundere auch seine Art, Interviews zu geben. Ein Interviewer habe Murakami beispielsweise einmal gefragt, was denn das Schaf in seinen Romanen bedeute. Und da habe er geantwortet, das wisse er auch nicht. Die Besucherin überkommt eine kurze, unnötige Panik. Verlegt sich die polnische Autorin am Ende aus Bewunderung für den großen Japaner auf die Technik des genialischen Gesprächsboykotts, wie sie die ganz großen Stars des Literaturgewerbes so vollendet beherrschen? Nein, dieser Verdacht ist ganz unbegründet. Joanna Bator sitzt, die Beine hochgezogen, auf ihrem schwarzen Arbeitsthron und ist einfach nur: sehr, sehr müde. Sie leidet unter Schlaflosigkeit, wacht um drei Uhr in der Nacht auf, geht in der Wohnung umher, sieht aus dem Fenster und findet den Abschaltknopf in sich einfach nicht mehr.

Vor Kurzem hat Joanna Bator den wichtigsten polnischen Literaturpreis bekommen, den Nike-Preis, für ihr neues Buch Ciemno, prawie noc (Dunkel, fast Nacht). In ein paar Tagen wird sie in Deutschland aus ihrem gerade ins Deutsche übersetzten Roman Wolkenfern lesen, in Göttingen, Berlin, Essen, Köln und Hannover. Sie könne sich, sagt sie, diese deutschen Städtenamen einfach nicht richtig merken, ständig verwechsele sie Hannover und Hamburg miteinander.

Sie ist 45 Jahre alt und zieht seit Jahrzehnten durch die Welt, hat in Amerika die "leerste Zeit" ihres Lebens und in Japan ihre "besten Tage" erlebt. In ihren Romanen ist sie während dieser Wanderjahre immer ins schlesische Wałbrzych zurückgekehrt, aus dem sie mit 18 Jahren aufgebrochen ist, als ein weiblicher Arbeitsjunkie, getrieben von sich selbst und den schlesischen Geistern ihrer Kindheit.

In ihrer Jugend in Wałbrzych und auch noch später in ihrem Studium der Philosophie und Kulturwissenschaft in Breslau sei sie ein Junkie-Leser gewesen, süchtig nach Buchstaben, egal, ob auf einer Haarshampooflasche oder in einem Roman von Márquez. Damals habe sie sogar die Fähigkeit besessen, eine ganze Buchseite mit einem Blick aufnehmen zu können, ohne sie Zeile für Zeile lesen zu müssen. Erst in Japan sei sie zum ersten Mal in ihrem Leben zum Halten gekommen. Dort sei sie sich zum ersten Mal "selbst kein Problem mehr gewesen" und habe das "Syndrom der perfekten Schülerin in mir" besänftigen können. Tag für Tag habe sie gespürt, wie der Druck nachgelassen und das Leben wieder zu fließen begonnen habe.

Vier Jahre lang hat Joanna Bator in Japan gelebt. Zunächst hatte sie ein Forschungsstipendium. Das hat sie dann aber schnell aus den Augen verloren. Mit dem Blick auf den Fudschijama hat sie schließlich ihren ersten Roman Sandberg geschrieben, ein Meilenstein der europäischen Gegenwartsliteratur. Erst in Japan, sagt sie, habe sie diesen Roman über die Bewohner der Plattenbausiedlung Sandberg in Wałbrzych schreiben können. Ohne so weit aus Polen wegzugehen, hätte sie nie über die polnische Provinz schreiben können, aus der sie kommt. Jetzt möchte sie sesshaft werden. Gleich nach ihrer Rückkehr aus Deutschland möchte die Nomadin zum ersten Mal in ihrem Leben in ein eigenes Haus ziehen. Aber nicht in Tokio oder Berlin, sondern in Sulejówek, einer Kleinstadt zwanzig Kilometer östlich von Warschau. Man kann es so sehen: Joanna Bator hat einen langen Umweg um die Welt gemacht, um zu sehen, ob das polnische Paradies von hinten wieder offen ist. Und es war offen.