Bei den gegenwärtig praktizierten Kreuzbandoperationen bleibt das Knie aber in 5 bis 15 Prozent der Fälle instabil. Claes und sein Kollege Johan Bellemans haben Hinweise darauf gefunden, dass das mit dem ALL zusammenhängt – wenn eine Verletzung an diesem nicht erkannt und nicht behandelt wurde.

Nachdem sie die Anatomie beschrieben haben, machen Claes und Bellemans nun den zweiten Schritt: Sie sind dabei, die Funktion des ALL zu eruieren. Danach wollen die beiden eine Operationstechnik für Kreuzbandpatienten entwickeln, deren Kniegelenke extremer Belastung ausgesetzt sind – etwa für Sportler wie Khedira. Das Vorhaben der Forscher klingt einleuchtend. Doch bis es gesicherte Ergebnisse und belastbare Daten gibt, die eine Überlegenheit der neuen Operationsmethode belegen, werden noch ein paar Jahre ins Land gehen. Allein die Beschreibung der Struktur kostete die Wissenschaftler vier Jahre.

Wie funktioniert das Knie?

Dabei liegt das Band gar nicht so versteckt. Kniechirurg Wolfgang Klauser zeigt es während einer Knieprothesenoperation. In dem geöffneten Kniegelenk hat der Operateur die Seitenbänder zur Seite geklappt, zusammen mit der Kniescheibe; Klammern ziehen die Haut und die Kapsel auseinander; der Blick aufs Gelenk ist frei. Der Chirurg drückt gegen das Band, das leicht federt: "Das ist es." In seiner täglichen Arbeit als Prothesenoperateur hat das ALL für den Kniespezialisten momentan wenig Bedeutung.

Für den Sporttraumatologen Carl Haasper, Oberarzt an der Endo-Klinik, ist das ALL schon eher interessant. Doch auch er bleibt gelassen: "Lassen Sie uns abwarten, bis es Daten gibt. Mal sehen, ob der Heilungserfolg bei Operationen am Kreuzband tatsächlich größer ist, wenn das ALL rekonstruiert wird." Bisher spiele das Ligament in der chirurgischen Anatomie keine große Rolle.

Das sei auch der Grund dafür, warum sich bislang noch niemand die Mühe gemacht habe, das ALL genauer zu beschreiben, vermutet Haasper. Bei den unzähligen Möglichkeiten, einen Kreuzbandriss zu operieren, habe das Ligament noch nie im Fokus gestanden. Es sei einfach zu den Seitenbändern gezählt und nicht als einzelne Struktur wahrgenommen worden. Haasper ist gespannt darauf, was seine Kollegen aus Belgien berichten werden.

Studienautor Steven Claes ist von seiner neuen Methode jedenfalls überzeugt: Schon jetzt wendet er sie in bestimmten Fällen an, etwa bei Spitzensportlern. Er hoffe, erzählt er, dass seine Erkenntnisse helfen würden, Kreuzbandpatienten künftig mit größerer Erfolgsaussicht operieren zu können. Schon in den siebziger Jahren war ein ähnlicher Weg als MacIntosh-Methode bekannt. Doch wegen mangelnder anatomischer Kenntnisse blieb der Erfolg aus. Sie geriet in Vergessenheit.

Claes’ Ergebnisse könnten einen neuen Weg für Kreuzbandoperationen einleiten – wenn in ein paar Jahren mehr Erkenntnisse vorliegen. Die große Frage "Wie funktioniert eigentlich ein Knie?" wird aber bis dahin wohl genau das geblieben sein: eine Frage ohne endgültige Antwort.