Zurzeit findet eine sehr lebendige Debatte darüber statt, was Bildung heute leisten muss und wie die Schulen im Zeitalter der digitalen Revolution ihren Auftrag erfüllen können. Dass dieser Diskurs nicht dröge sein muss, bewies kürzlich der Autor und Philosoph Richard David Precht, der an der Universität Zürich ein fulminantes Plädoyer für eine Neuerfindung der Schule hielt. In seinem Buch Anna, die Schule und der liebe Gott wirft er dem traditionellen Bildungssystem nicht weniger als "den Verrat an unseren Kindern" vor.

So provokant würde ich es nicht formulieren, ich verkaufe ja auch keine Bücher. Ich schleppe sie lediglich – zum Leidwesen meines Rückens – mit mir rum, was sich im Fall von Prechts neuestem Werk aber lohnt. Denn Precht animiert einen, seinen Aussagen auf den Grund zu gehen. So analysiert er richtig, es sei lange unbestritten gewesen, dass es die nobelste Aufgabe der Schule sei, Wissen zu vermitteln. Ist das aber noch der richtige Auftrag an die Schule, wenn etwa nächsten Frühling die Google-Brille auf den Markt kommt, mit der man das gesammelte Weltwissen mit einem Wimpernschlag abrufen kann? Ist es noch zeitgemäß, im 45-Minuten-Takt jeden Tag von einem Fach zu einem anderen zu springen und so häppchenweise Dinge zu lernen, die heute auch außerhalb der Schule erlernt werden können?

In der animierten Diskussion nach Prechts Vortrag wurde eines deutlich: Bildung geht uns alle an, und Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft haben ein gemeinsames Interesse daran, den Bildungsstandort Schweiz auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln. Wenn die reine Wissensvermittlung nicht mehr die wichtigste Funktion der Schule ist, dann geht es darum, die Persönlichkeit und das Potenzial der Kinder zu fördern. Im Gegensatz zu früher wissen wir heute viel mehr darüber, wie Kinder funktionieren. Etwa dass die früheste Kindheit entscheidend ist für die Entwicklung eines Menschen. "In den ersten fünf Jahren werden Lebenschancen verteilt, die sich später nicht mehr korrigieren lassen", fasste der Verhaltensökonom Professor Ernst Fehr die Erkenntnisse seiner Forschung zusammen.

Die Schule ist der Ort, an dem Kinder lernen sollen, als soziale Wesen zu funktionieren. Dabei darf auch der Konkurrenzgedanke geschärft werden. Precht spricht hier nicht von der Konkurrenz der einzelnen Schüler untereinander, die um bessere Noten buhlen, aber vom Wettbewerb zwischen zwei gleich starken Lernhäusern wie in Harry Potter, die bei Lese- und Mathematikwettkämpfen gegeneinander antreten. Dies führt zu einer positiven Gemeinschaftsbildung, die gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der Schüler fördert. Zwei wichtige Stichworte, die sie auf die Jobs vorbereitet, die Precht dem "quartären" Sektor zuordnet. Diese neuen Berufsbilder, die wir heute noch nicht kennen, werden hohe soziale Kompetenzen verlangen und die Fähigkeit, äußerst komplexe Prozesse zu steuern. Im Unterricht der Zukunft wird es darum gehen, Wissen zu bewerten und zu verstehen, wie es später richtig angewendet werden kann.

Es ist offensichtlich, dass der technologische und gesellschaftliche Wandel enorme Herausforderungen an das Lehrpersonal stellt, das Talent der Lehrenden der Zukunft ist gefragt. Um aber Talente anzuziehen, muss der Lehrberuf wieder attraktiv sein und hohe gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, wie Professor Jürgen Oelkers der Runde zu bedenken gab.

Was aber hindert uns oft daran, das zu tun, was wir als richtig erkannt haben? Die Bildung und die Schulpolitik sind ein ideologisches Tummelfeld der Parteien. Zu oft wird über das "Schulsystem" und zu wenig über das Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler gesprochen. Ideologie hat in der Bildungsdebatte aber nichts zu suchen. Innovation und neues Denken scheitern hierzulande auch oft an Verbandsfunktionären, die starre Positionen einnehmen, weil sie um ihre nächste Wahl fürchten. Wir alle müssen Hand in Hand daran arbeiten, die Schweiz als Bildungsstandort weiterzuentwickeln. Denn Bildungschancen sind Lebenschancen. Wir müssen eine Schule haben, die junge Talente hervorbringt, fördert und für Lehrer und Schüler attraktiv bleibt. Es wird keine Revolution geben, sondern eine Evolution. Und das ist gut so. Denn zum Schluss fragte Oelkers: "Wer kann mit der Google-Brille schon Bücher lesen?"