Das Jahr 2013 war auf dem Kunstmarkt bisher voller Widersprüche: Auf der einen Seite kündeten die Auktionsergebnisse von Mai und November von einem sich immer weiter ausdehnenden Geschäftsfeld – mit 13,8 Prozent Gewinnen zwischen 2007 und 2012 ist der Handel mit Kunst laut dem Mei Moses Fine Art Index inzwischen lukrativer als viele herkömmliche Industrien. Auf der anderen Seite prangten Meldungen des Niedergangs: klaffende Leere in Galerieausstellungen, alle verkaufen nur noch auf Messen, und wer sich die Teilnahme dort nicht leisten kann, muss schließen, weil über Jahre umsorgte Künstler zur Konkurrenz abwandern – verständlich, haben doch viele von ihnen nicht nur Familien durchzubringen, sondern auch einen rastlos schuftenden Mitarbeiterstamm.

Nun hat das Berliner Institut für Strategieentwicklung eine Studie veröffentlicht, die die deutsche Galerienlandschaft erstmals nach Zahlen sortiert. 200 der gut 700 gezählten Galerien mit "Gewinnerwartungsabsicht" haben sich an einer anonymen Umfrage beteiligt. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Die oberen 15 Prozent erwirtschaften 80 Prozent des Gesamtumsatzes. Dagegen bleibt weit über die Hälfte der Händler unter 200.000 Euro im Jahr (Umsatz, nicht Gewinn). Galeriearbeit ist zu weiten Teilen ein Zuschussgeschäft. Der Großteil hat Mühe, Künstler, Mitarbeiter und sich selbst zu finanzieren. Und in Berlin, vor Nordrhein-Westfalen und München Zentrum des deutschen Kunsthandels, gibt es nicht, wie lange angenommen, über 400 Galerien, sondern, na gut, immerhin 230 – was, wie Studienautor Hergen Wöbken meint, für den schwachen Markt immer noch zu viele seien. Es ist bekannt, dass viele Händler Berlin als günstiges und lebenswertes Basislager in Nachbarschaft der Künstler schätzen, ihre Umsätze aber auf Messen machen, in Basel, London, New York oder Paris – wenn sie überhaupt die Kosten für Standmiete, Übernachtung, Transport und Versicherung einspielen.

Verblüffend ist aber vor allem die folgende Zahl: Der gesamte deutsche Markt für Gegenwartskunst macht weniger Umsatz als ein US-amerikanischer Händler alleine – Larry Gagosian, der neben Pace, David Zwirner und Hauser & Wirth zu den vier globalen Marktführern gehört. 14 Dependancen zählt sein weltumspannendes Reich. Larry Gagosian: 688 Millionen Euro. Alle deutschen Gegenwartsgalerien zusammen: 450 Millionen Euro.

Das macht es plötzlich komplizierter, den Kunstmarkt als Dynamo für wirtschaftliche Entwicklung darzustellen, wie es seit einiger Zeit versucht wird. Sicher machen Galerien Standorte attraktiver, nur haben sie davon womöglich weniger als die Unternehmen, die ihnen nachziehen und die Grundstückspreise heben.

"Wir jagen alle dieselben Künstler", sagt der Megagalerist

Vor allem aber verschiebt sich im Anblick solcher Zahlen schlagartig die gesamte Landkarte jenes geheimnisvollen Kontinents der Kunst, auf den viele verzaubert oder argwöhnisch, oft jedenfalls mit Unverständnis blicken. Man muss anerkennen, dass dieser Kontinent schon lange in zwei Teile zerbrochen ist, zwischen denen eine Schlucht klafft, tiefer als der Mariannengraben.

"Als wir jung waren, haben wir davon geträumt, dass sich die ganze Welt für Kunst interessiert", erzählt Volker Diehl, der beide Kontinente gesehen hat. 1983 begann er das zeitgenössische Programm der Berliner Galerie Schulima zu betreuen, deren Räume er 1990 übernahm. 1996, als Berlin sich zum Galerienstandort entwickelte, gründete Diehl die Messe Art Forum. Wie alle glaubte er an ungebremste Expansion, beschäftigte zeitweise zwanzig Mitarbeiter, zog ins neue Galerienzentrum in der Kreuzberger Lindenstraße und betrieb eine Dependance in Moskau. Als 2008 nach dem Kaukasuskrieg und der Finanzkrise der russische Mittelstand wegbrach, "begann ein bitterer, aber guter Prozess. Ich war auf das zurückgeworfen worden, was ich wollte, als ich anfing." 2010 veranstaltete Diehl einmalig die Cosmoscow, während in Berlin das Art Forum aufgab. Diehl machte keine Messen mehr mit, verlor ein paar Künstler und sitzt heute wieder im sagenhaft schönen Jugendstilbau, in dem vor dreißig Jahren alles begann. Er pflegt seine Sammlung russischer Kunst, zeigt eine augenöffnende Schau des 77-jährigen Rumänen Constantin Flondor und sagt: "Das System ist pervertiert und absurd. Die Menge an fragwürdiger Kunst, die über uns schwappt, macht mich krank."

Dabei scheint sich doch Diehls Traum erfüllt zu haben: Die ganze Welt interessiert sich jetzt für Kunst. Oder zumindest für die Zahlen, die sie generiert. "Das viele Geld macht alles kaputt, die Gier kennt kein Ende", sagt Diehl. "Es geht schon lange nicht mehr um Kunst, sondern um Marketing und Branding." Während der Art Basel hatte Volker Diehl eine der entspanntesten Wochen seit Langem, "während meine Freunde gestresst zurückkamen, weil sie auch nichts verkauft hatten".