"Türkiye – Scheiß-Juden". So stand es krakelig eingeritzt in die Holzbank einer Synagoge im Ruhrgebiet. Kurz zuvor hatte eine Schulklasse die jüdische Gemeinde besucht. Unterzeichnet war der Schriftzug mit "GFB 1907" – Genç Fenerbahçeliler, ein Fanclub des türkischen Erstligisten Fenerbahçe aus Istanbul. Ich habe ein Foto gemacht und es bei Facebook eingestellt. Rasch entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Die Empörung war groß – allerdings mehr darüber, dass ich mit dem Posting angeblich die türkischstämmige Minderheit in Deutschland diskreditierte. Man könne schließlich nicht wirklich wissen, ob jemand mit türkischer Herkunft hinter der Tat stecke.

Muslimischer Antisemitismus ist traurige Realität in Deutschland. Das zeigte auch der abscheuliche Überfall auf Rabbiner Daniel Alter; Ende August vergangenen Jahres war er in Berlin im Beisein seiner kleinen Tochter auf offener Straße angegriffen worden – als "Jude". In Deutschland über muslimischen Antisemitismus zu reden ist allerdings nicht einfach. Das liegt auch daran, dass dieses Phänomen genutzt wird, um von antisemitischen Stereotypen in der Mehrheitsgesellschaft abzulenken. Muslimischer Antisemitismus lässt sich in Zeiten der "Islamkritik" allzu leicht zum Thema machen. Das nutzen nicht nur Islamfeinde und rechtskonservative Kreise für ihre Interessen. Der Fingerzeig auf Muslime bietet eine Chance, die "Last" des Nationalsozialismus ein Stückchen von den Schultern der Deutschen zu schubsen.

Im zweiten Quartal 2012 gab es laut Antwort der Regierung auf eine Bundestagsanfrage 197 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund. Acht wurden von "Ausländern" verübt (das Bundesinnenministerium schlüsselt nach Rechts, Links und Ausländern auf), 182 von Rechts. Im gleichen Zeitraum 2011 waren es 215 Straftaten, davon 206 von Rechtsextremen und lediglich zwei von "Ausländern". Anfang des vergangenen Jahres veranlasste eine Erhebung die Bild- Zeitung zur Schlagzeile: Neue Schock-Studie: 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch.

Eine islamimmanente Judenfeindschaft lässt sich zudem weder geschichtlich noch religiös belegen. Daran ändern auch die von sogenannten Islamkritikern oft beschworenen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslimen nichts, die Eingang in den Koran und die Frühgeschichte des Islams gefunden haben. Sie wurden nicht geführt, weil Juden Juden sind. Menschen jüdischen Glaubens standen der Expansion des Islams ebenso im Weg wie Menschen polytheistischer oder christlicher Überzeugungen. Davon abgesehen war das, was unter Mohammeds Führung geschah, aus damaliger Sicht nicht ungewöhnlich. Es wurde nach den bekannten Spielregeln verfahren: Stämme haben sich bekämpft, Besiegte wurden getötet oder versklavt. Es wäre absurd, aus dieser Zeit Wertungen für die Gegenwart abzuleiten.

Nur wenige bestreiten ernsthaft, dass es in der islamischen Welt Pogrome gegen Juden gegeben hat. Aussagekräftiger aber sind positive Beispiele muslimisch-jüdischen Zusammenlebens – allen voran das "Goldene Zeitalter" in Andalusien –, die Eingang in Kunst, Literatur und Philosophie gefunden haben. Auch der oft bemühte Vorwurf, Juden seien als Dhimmis (im islamischen Recht: Schutzbefohlene) nur Bürger zweiter Klasse gewesen, greift nicht. Das ist zwar sachlich korrekt. Provokativ könnte man aber bemerken: Immerhin waren sie so etwas wie "Staatsbürger" mit Rechten, was man über Juden in Mitteleuropa vor allem nach dem 13. Jahrhundert wohl kaum sagen kann.

Betrachtet man muslimischen Antisemitismus allerdings nicht vor dem historischen, sondern vor einem aktuellen Hintergrund, muss man sagen: Wir Muslime haben ein ernst zu nehmendes Problem. Offener Antisemitismus ist fester Bestandteil der meisten islamistisch-fundamentalistischen Gruppen. Zumindest latenter Antisemitismus ist vor allem unter ganz normalen Muslimen verbreitet. Auch wenn empirisches Zahlenmaterial noch Mangelware ist, reichen die Indizien aus, um festzustellen, dass hier eine kritische Größe erreicht ist.

So können wir uns fragen, warum Hitlers Mein Kampf oder die Protokolle der Weisen von Zion unter Muslimen heute gesteigerte Nachfrage genießen. Gewiss: Es sind keine islamischen Ideen. Europäische Vordenker haben sie in die Welt gesetzt. Man spricht deshalb auch von "islamisiertem Antisemitismus". Außerdem finden die Machwerke in ihren Übersetzungen vor allem in der arabischen Welt Anklang, nicht in der gesamten muslimischen. Hauptursache dafür ist der Nahostkonflikt. Die Hasstexte dafür verbreiten die dort involvierten Akteure. Nur: Ändert das etwas am Problem? Nein, es zeigt lediglich, dass die politische und nicht originär religiöse Auseinandersetzung um Israel Hauptursache für muslimische Feindseligkeiten gegenüber Juden in Deutschland ist.

"Du Jude" – diese Worte sind immer wieder auf Schulhöfen zu hören, wenn muslimische Jugendliche sich streiten. Auch hier müssen wir uns fragen, warum. Manchmal fallen solche Worte gedankenlos. Sie sind dann Teil der Jugendsprache und belegen nicht automatisch eingefleischten Antisemitismus. Viele muslimische Jugendliche, deren Familien aus der Türkei oder dem Nahen Osten stammen, sehen Juden nicht primär als Opfer, sondern als Vertreter einer Besatzungsmacht. Die Schändung der Synagoge und der Angriff auf Rabbiner Alter dürften auf diese tradierte, diffuse Feindschaft zu Israel zurückgehen. Doch selbst lapidare Äußerungen und gedankenlose Beschimpfungen dürfen nicht einfach übergangen werden – wenigstens nicht in der Schule.

Ein Mittel, um gegen sie anzugehen, wäre es, aufzuzeigen, dass es beim muslimischen Antisemitismus zu großen Teilen um Politik geht, nicht um Religion. Diese Bildung muss in der Schule anfangen, und zwar nicht nur im Geschichtsunterricht. Aber Wissen alleine reicht nicht aus. Pauschalisierte Feindseligkeit kommt in der Regel aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf. Daher ist die Förderung persönlicher Kontakte wichtig. Auch jenseits der Schule muss daran gearbeitet werden, insbesondere mit Jugendlichen. Hier sind die muslimischen Verbände ebenso gefordert wie die türkischen und arabischen Kulturvereinigungen. Während der vergleichsweise kleine Liberal-Islamische Bund, dem ich selbst vorsitze, vor einigen Wochen zusammen mit mehreren Kooperationspartnern ein Jugendcamp zum Trialog der abrahamitischen Religionen im nordrhein-westfälischen Hagen organisierte, bleiben die großen Verbände auf diesem Gebiet nicht untätig, aber alles in allem viel zu still. Erfolgreiche Vereine wie die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus müssen ums Überleben kämpfen.

Antisemitismus entspringt sozialpsychologisch derselben Quelle wie Islamfeindlichkeit und Rassismus. Ob Juden, Muslime, Roma oder andere Minderheiten, alle sind in Deutschland und anderswo im Jahr 2013 mehr oder weniger Vorurteilen ausgesetzt. Dagegen müssen alle gemeinsam angehen. Niemand darf sich der Aufgabe entziehen. Muslime müssen sich diesem Thema auch stärker stellen.