Der Chefarzt Rolf Schneider hat die Medizinstudentin persönlich mit dem Auto aus Würzburg abgeholt. Seit einem Jahr bietet der neurologische Leiter des Klinikums Aschaffenburg Studenten an, ihn einen Tag lang zu begleiten. Doch Gabriele Siedler ist erst die Zweite, die dieses Angebot wahrnimmt. Der Nachwuchs bleibt lieber in Frankfurt oder Würzburg. Aschaffenburg liegt ein wenig verloren zwischen den beiden Städten und hat keine Universität. Also holt sich der 61-Jährige den Nachwuchs eben selbst.

Er braucht ihn. Jedes Jahr kommen zehn Prozent mehr Patienten in seine Abteilung, 1.000 Schlaganfälle behandeln Schneider und seine Kollegen jetzt schon im Jahr. Was fehlt, sind junge Ärzte, die sich bewerben. Dass Neurologie im Medizinstudium erst im neunten Semester behandelt wird, macht es nicht besser. Viele, sagt Schneider, hätten da ihre Spezialisierung schon gewählt. Und so hat die Neurologie nicht nur in Aschaffenburg ein Problem. In ganz Deutschland hat sie eines.

Nach einer Hochrechnung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie werden bis in spätestens zehn Jahren 600 neue Neurologen jährlich benötigt. 200 mehr als jetzt. Unsere Gesellschaft altert, und Alterskrankheiten sind zumeist neurologische Krankheiten wie Parkinson und Demenz. Außerdem können dank jahrzehntelanger Hirnforschung neurologische Krankheiten wie Multiple Sklerose und Epilepsie mittlerweile nicht nur diagnostiziert, sondern auch gut therapiert werden. Und dann gibt es noch die mehr als 200 Schlaganfall-Stationen, die seit Anfang der 1990er Jahre gegründet wurden und fast allesamt unter neurologischer Leitung stehen. Für all das braucht es mehr Neurologen – und damit mehr junge Absolventen, als sich für die Neurologie interessieren.

Heute hat Schneider die Chance, eine Studentin für sein Fach zu begeistern. Heute kann er zeigen, wie großartig die Neurologie ist, in Aschaffenburg, in Deutschland. Er hat sich extra keine Krawatte umgebunden, das Zeichen der Chefärzte, nicht mal ein Hemd trägt er unter dem Kittel, sondern ein Polohemd. Bloß nicht einschüchternd wirken.

Um acht Uhr kommen die beiden ins Klinikum, und Schneider stellt Gabriele Siedler den Kollegen vor. Sie gehen in die tägliche Konferenz. Zwei von drei Oberärzten sind auch da (alles Männer), ein Student im Praktischen Jahr und sieben von 13 Assistenzärztinnen (alles Frauen). An die Wand projizierte Computertomografiebilder von Gehirnen und Wirbelsäulen werden besprochen. Dann geht es zur Visite. Auch Siedler hat einen weißen Kittel sowie ein Neurologenhämmerchen bekommen. In der Gruppe mit dem Chefarzt, dem Oberarzt und einer Assistenzärztin könnte Siedler, obwohl sie erst 23 ist, glatt als Kollegin durchgehen.

Junge Ärzte fehlen

Die Visite beginnt bei einer alten Frau auf der Intensivstation. Hatte sie einen Schlaganfall? Schneider bittet sie, ihre Arme zu heben, sie schafft es aber nicht. Der Chefarzt hebt beide Arme an und lässt sie fallen. Zu Siedler sagt er: "Ein gelähmter Arm würde schneller fallen." Aber beide Arme fallen gleich schnell. Dass beide Arme gelähmt sind, kommt so gut wie nie vor nach einem Schlaganfall. Also muss es etwas anderes sein. Einen anderen Patienten fragt Schneider, wo er herkommt, macht ein bisschen Small Talk. Nicht nur aus Neugier und Freundlichkeit. "Was ist Ihnen an der Sprache des Mannes aufgefallen?", fragt Schneider danach in die Runde. "Sie war ein bisschen abgehackt, unrund, nach Worten suchend", sagt Siedler. Worauf das hindeutet? "Auffälligkeiten in der Aussprache können Hinweise auf Verletzungen im Gehirn geben", sagt der Chefarzt.

Den ganzen Vormittag und Nachmittag lang zieht die Gruppe von Zimmer zu Zimmer. Gabriele Siedler bleibt immer an Schneiders Seite, ruhig, beinahe still, aber aufmerksam verfolgt sie alles durch ihre Brillengläser, die Hände in den Taschen oder vor dem Bauch verschränkt. Sie sagt nicht viel, doch wenn sie etwas sagt, stimmt es. Neben dem Studium hat sie bereits mit 22 angefangen, ihre Doktorarbeit zu schreiben. Manchmal fragt Schneider Gabriele Siedler ganz direkt, was sie machen würde. Wenn sie etwas nicht weiß, erklärt er es. Er nimmt einen Stift und zeichnet Gehirnregionen oder Gefäße auf einen Zettel. Der Professor macht ein Universitätsseminar aus den Visiten. "Woher könnten die Symptome kommen?" – "Kann man alles einem Gefäß zuordnen?" – "Sie müssen eine kleine gedankliche Volte schlagen."