Jede Saison hat ihre Must-haves. So nennt die Textilindustrie jene Kleidungsstücke, die man unbedingt haben muss, weil man ohne sie kein Mensch ist. Dummerweise ist die Saison oft so schnell vorüber, dass Normalkunden erst bemerken, was sie eigentlich hätten haben müssen, wenn sie es längst nicht mehr haben können, weil in den Läden schon wieder neue Ware hängt, die man haben muss. Die Must-have-Philosophie ernst zu nehmen und umzusetzen macht dauerhaftes Pendeln zwischen Einkaufsstraße und Altkleidercontainer erforderlich. Inklusive zahlreicher Zwischenstopps am Geldautomaten.

Den tieferen Sinn von Must-haves verstehen ohnehin nur sehr wenige Leute, insbesondere sogenannte Fashion-Victims. Diese stellen übrigens die einzige Gruppe von Menschen dar, die sich ganz offen und freiwillig als Opfer bezeichnen, also einen unter minderjährigen Schulhofmobbern beliebten Schmähbegriff für Außenseiter auf ironische Weise brechen. Vielleicht ist aber auch bloß masochistisch veranlagt, wer sich Opfer nennt, und sei es nur eines der Mode, die bekanntermaßen eine strenge und launische Herrin ist.

Friederike U., eine Leserin dieser Kolumne, regte sich neulich über das Must-have-Gedöns auf, mit dem ihr Modemacher einreden wollten, irgendetwas Bestimmtes kaufen zu sollen, weil man es eben besitzen müsse. Recht hat sie. Was man wirklich haben muss, hat jedermann wahrscheinlich ohnehin: und zwar im Schrank. Immer noch unsicher? Hier die aktuellen Must-haves für die bevorstehende Wintersaison, von innen nach außen: Unterhemd, Unterhose, Socken, Pullover, Hose, Mütze, Schal, Jacke. Und feste Schuhe, ganz wichtig! Schuhe sind definitiv Must-haves, weil man ohne sie zwar immer noch ein Mensch bleiben wird, aber im Winter lächerlich aussieht und zudem nasse Füße bekommt.