ZEITmagazin: Frau Sandberg, Sie setzen sich öffentlich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein. Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Sheryl Sandberg: Wir sind noch nicht auf dem richtigen Weg zur Gleichberechtigung, und wir alle – Männer, Frauen, Firmen, Regierungen, die ganze Gesellschaft – müssen dazu beitragen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Wir lassen uns immer noch von Klischeevorstellungen dominieren. Diese Klischees verhindern einerseits, dass Frauen genauso stark wie Männer dabei unterstützt werden, Führungspositionen einzunehmen und einzufordern. Und umgekehrt lassen sie es nicht zu, dass Männer Anerkennung bekommen, wenn sie sich um die Kinder kümmern. Wir brauchen aber Gleichheit in allen Lebensbereichen – am Konferenztisch wie am Küchentisch.

ZEITmagazin: Kritiker sagen, dass Sie sich mit dieser Botschaft vor allem an gut ausgebildete und gut verdienende Frauen wenden.

Sandberg: Natürlich nicht. Es ist genauso wichtig, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, wie die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen zu schließen. In Deutschland verdienen Männer zwischen 16 und 20 Prozent mehr, in den USA 23 Prozent. Das ist sehr, sehr viel. Das Thema Ungleichheit geht jeden an, aber vor allem Frauen, die kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen.

ZEITmagazin: Wo beginnt für Sie diese ungleiche Behandlung von Männern und Frauen?

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Sandberg: In den USA gibt es das Wort bossy. Wenn ein Junge bossy ist, also irgendetwas organisiert, ist er gleich ein Anführer. Wenn ein Mädchen das Gleiche tut, bossy ist, sagen wir ihr, dass sie anderen nicht vorzuschreiben habe, was sie zu tun haben. Wir müssen diese Klischees zuerst mal benennen. Wenn man über einen kleinen Jungen sagt, er habe Führungsqualitäten, findet das niemand amüsant. Wenn man das Gleiche über ein kleines Mädchen sagt, kriegt jeder gleich einen Lachanfall. Und wenn wir erwachsen werden, sind Führungsqualitäten bei Männern gefragt, während man sie bei Frauen eher skeptisch sieht. Wir müssen diese Klischees endlich loswerden.

ZEITmagazin: Warum sollten Männer denn überhaupt Interesse daran haben, Macht abzugeben?

Sandberg: Männer, die gut mit Frauen zusammenarbeiten können, werden bessere Leistungen bringen, wenn sie auf mehr Frauen in der Führungsebene treffen. Grundsätzlich funktionieren gemischte Arbeitsteams besser. Außerdem führen Männer, die mehr Zeit für ihre Familie haben, eine glücklichere Ehe und haben glücklichere und erfolgreichere Kinder. Es geht nicht darum, dass die Männer ihre Macht abgeben müssen – sondern darum, dass wir alle besser zusammenarbeiten. Das ist wirtschaftlich produktiver und macht zugleich privat glücklicher.

ZEITmagazin: Sie wirken sehr stark und selbstbewusst, Ihr Lebenslauf liest sich wie eine Erfolgsgeschichte. Haben Sie Ihr Leben immer so gut im Griff gehabt?

Karriere - Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg über Karrierechancen von Frauen Die Facebook-Managerin und Buchautorin Sheryl Sandberg ruft Frauen zu mehr Selbstvertrauen auf. Im Videointerview beantwortet sie ZEIT-ONLINE-Leserfragen und erklärt, was sich ändern muss, damit Frauen die gleichen Karrierechancen haben.

Sandberg: Natürlich nicht. Ich bin auch gescheitert und habe Rückschläge hinnehmen müssen. In meinem Buch Lean in schreibe ich darüber, wie ich mit 24 geheiratet habe und mich nur ein Jahr später wieder scheiden ließ. Diese Zeit war sehr schwierig für mich, alles fühlte sich an wie ein einziger großer Fehlschlag. Ich habe versucht, aus dieser Erfahrung zu lernen.

ZEITmagazin: War diese Krise für Sie eine Chance? Haben Sie daraus gelernt, sich Ihrer eigenen Wünsche und Bedürfnisse bewusst zu werden?

Sandberg: Damals wurde von mir erwartet, jung zu heiraten, und das habe ich dann auch gemacht. Meine Eltern rieten mir dazu, weil sie selbst sehr jung waren, als sie heirateten, und dachten, das sei besser. Heute weiß ich, dass das nicht der richtige Weg für mich war. Ich habe dann zehn Jahre später einen wunderbaren Mann geheiratet – und meine Eltern lieben ihn so sehr wie ich.

ZEITmagazin: Sie raten jungen Frauen in Interviews oft: "Wenn du heiratest, heirate den Richtigen." Was genau meinen Sie denn mit "dem Richtigen"?

Sandberg: Ich würde natürlich niemals jemandem vorschreiben wollen, wen er heiraten soll! Aber wenn man seinen Lebenspartner auswählt, ist es wichtig, sich selbst wirklich zu verstehen und zu wissen, was für eine Art von Partnerschaft man will. Ich rate jungen Frauen, den Mann – oder die Frau – zu heiraten, der auch die Wäsche machen will. Denn eines Tages wird die Person, die ein wirklicher Partner sein will, der sexyste Mensch überhaupt sein!