Wem der von den Grünen geforderte Veggie-Day nicht schmeckte, der wird dieses Buch kaum in die Hand nehmen. Denn dass der Verzehr von Tierfleisch moralisch und ökologisch problematisch ist, setzen die Autoren von Zoopolis, der kanadische Philosoph Will Kymlicka und seine Ehefrau, die Publizistin Sue Donaldson, schlicht voraus. Viele Tiere haben Rechte, weil sie über Bewusstsein verfügen, weil sie empfindungs- und schmerzfähig sind und damit ein Selbst haben, das geschützt werden muss. Nicht nur, wenn es um Menschen geht, auch wenn es um Tiere geht, ist, wie Donaldson und Kymlicka sagen, jemand "zu Hause", ist jemand "daheim" – nichts anderes heißt es, über eine Personalität zu verfügen, die von einem rechtlichen Schutzraum umgeben werden muss. Rationalität oder Sprachfähigkeit sind dabei nicht nötig, um in den Genuss zentraler Rechte zu gelangen, schließlich gewähren wir diese Rechte auch Kleinkindern oder Menschen mit Behinderungen.

Bis zu diesem Punkt könnte man in dem Buch eine weitere Stimme jener Debatte über Tierrechte sehen, die seit gut dreißig Jahren gelegentlich aus den philosophischen Seminaren in die Öffentlichkeit schwappt und dort für Unruhe sorgt. Aber Donaldsons und Kymlickas Stimme ist viel radikaler. Sie gehen zwar von der Tierrechtsdebatte aus, kritisieren diese jedoch zugleich. Die traditionelle Tierrechtsethik habe sich zu sehr auf "negative Rechte" bezogen, also auf Rechte, die vorschreiben, was man Tieren nicht antun darf: nicht töten, einsperren, besitzen, quälen oder von der eigenen Familie trennen. Positive menschliche Verhaltensweisen oder Pflichten gegenüber Tieren aber würden bislang kaum beschrieben; eher scheint die traditionelle Tierrechtsethik davon auszugehen, dass der Mensch Tiere einfach in Ruhe lassen soll.

Donaldson und Kymlicka reicht das nicht, denn sie gehen davon aus, dass Menschen und Tiere längst ein enges Beziehungsgeflecht aufgebaut haben, das nicht so einfach aufgelöst werden kann. Deswegen unternimmt das Autorenpaar den Versuch, "relationale Pflichten" zu skizzieren. Gemeint sind Pflichten, die im Rahmen von mal mehr, mal weniger engen Beziehungen entstehen, die Menschen mit Tieren eingehen. Die Annahme, wonach Menschen einen von anderen Tieren getrennten Bereich bewohnen, "in dem sich Interaktionen und daher auch potentielle Konflikte weitgehend beseitigen ließen", sei unsinnig, denn "fortwährende Interaktion sei unvermeidlich". Also müssen wir darüber nachdenken, wie wir Menschen die unvermeidlichen Interaktionen mit Tieren gestalten sollen.

Der nächste Argumentationsschritt von Zoopolis wird selbst wohlgesonnene Tierrechtsanhänger irritieren. Denn wenn Tiere als "Nachbarn, Freunde, Mitbürger und Angehörige unserer wie ihrer Gemeinschaften" unter uns leben, warum gewähren wir ihnen dann nicht Staatsbürgerrechte? Fido, Waldi und Minka sollen zwar keine Pässe erhalten, die sie ständig mit sich rumtragen. Sehr wohl aber sollten wir sie als Mitbürger unserer politischen Gemeinschaft betrachten, deren Interessen zählen und folglich auch politisch repräsentiert werden müssen, die Freizügigkeitsrechte genießen (keine Hundeleinen!) und, im Falle von wild lebenden Tieren, sogar gewisse Souveränitätsrechte beanspruchen können. Ein Angriff auf ihr Territorium käme einer Kriegserklärung gleich. Tiere wiederum, etwa Eichhörnchen oder Waschbären, die im Schwellenbereich zwischen Stadt und Land leben, sollten sinnvolle Lebensräume für sich erhalten, was zu einer baulichen Neustrukturierung unserer Städte führen könnte.

Herkömmliche Tierrechtstheorien werden durch Zoopolis politisiert; das dürfte, bei allen Vorbehalten, mit denen Donaldson und Kymlicka durchaus rechnen, das große Verdienst ihres Buchs sein. Die etwas müde gewordene moralphilosophische Debatte über Tierrechte bekommt eine ganz neue Sprache und andere methodische Perspektiven. Wer sich nur halbwegs auf die zahllosen, bisweilen atemraubenden Geschichten einlässt, mit denen hier für einen Wandel unseres Verhältnisses zu Tieren plädiert wird, muss unsere eingespielte Ignoranz und Brutalität bedauern. Andererseits sind viele Vorschläge von Zoopolis natürlich provokativ und radikal, den Lesern soll, wie es heißt, eine "neue Optik" geboten werden. Der Preis dafür ist ein allzu schnelles Hinweggleiten über gewichtige Fragen. Wer beispielsweise nicht glaubt, dass Empfindungs- und Schmerzfähigkeit ausreichen, um den Personenstatus zu begründen, wird den Autoren an vielen Punkten nicht folgen können; allzu leicht verlassen sie sich da auf einen Konsens, der (noch) nicht vorhanden ist. Auffällig auch, dass Zoopolis um die Massentierhaltung einen großen Bogen macht, offenbar passen diese Tiere nicht in das Schema. Und schließlich: Müssen wir gleich über Staatsbürgerschaftsrechte für Tiere sprechen? Denn noch ist ja nicht einmal die Frage geklärt, welche Menschen die Staatsbürgerschaft eines Landes genießen sollen und welche nicht. Kurzum: Es gibt gute Möglichkeiten eines anderen Umgangs mit Tieren – das Buch beschreibt sie an vielen Stellen –, die ohne die aufgeladene Rede von politischen Rechten für Tiere auskommen.