Zwei Wochen lang haben die internationalen Medien aus dem südindischen Chennai berichtet, wobei fast all ihre Aufmerksamkeit den Akteuren am Schachbrett im Ballsaal des Hyatt Regency-Hotels in Chennai galt – kaum einen Bericht gab es aus der unüberschaubaren Stadt, die das Fünfsternehotel umschließt.

Alle Norweger (5 Millionen) fänden in Chennai Platz, und selbst dann wäre die Stadt nur zu zwei Dritteln gefüllt. Sie scheint in allem das Gegenteil von Oslo zu sein. Jeden Tag feuchte Hitze, 30 Grad, ein endloser Straßenverkehr, in dem jeder drauflosfährt und durch jede Lücke schlüpft, um Lastenfahrräder und Kühe herum. Die nach Öl schmeckende Luft legt sich wie ein Film auf die Haut. Regnet es, wird es schwül wie im Treibhaus, und überall steht das Wasser. Das Gesundheitsamt warnt vor Typhuserregern; man solle nicht barfuß durch den Schlamm waten.

Die Bürgersteige sind zerklüftet, Geröll und Müll versperren den Weg, offene Schächte lauern auf Passanten. Man sieht junge Frauen mit Krügen an Tankwagen Wasser zapfen. Die Ärmsten sitzen einfach nur irgendwo im Schatten und warten. Gleich nebenan gibt es piekfeine Geschäfte und Einkaufszentren wie in Europa.

Und überall wird gebaut. Oft ist nicht klar, ob ein Hochhaus gerade errichtet oder gerade abgerissen wird. Das gilt auch für das Kultusministerium des Bundesstaates Tamil Nadu, das wir vergangene Woche Donnerstag besuchten, um uns über das Schulschachprogramm zu informieren. Ein riesiges, graues Gebäude mit Einlasskontrolle und Fotografierverbot. Man geht durchs Erdgeschoss zu den Fahrstühlen, vorbei an Motorrädern und Büromöbelhalden, die zentimeterdick zugestaubt sind. Vor dem Fahrstuhl im sechsten Stock liegt ein Berg von Akten. Daneben öffnet sich die Wand ins Freie. Wer nicht aufpasst, läuft Gefahr, in die Tiefe zu stürzen.

Ein langer Flur führt an den Büros vorbei, großen Räumen mit Schreibtischen, auf denen sich Papierstapel türmen. Einige sind umgekippt. Dazwischen Mitarbeiter auf Stühlen, Akten im Schoß, lesend, stempelnd, sich den Schweiß von der Stirn wischend. Wer hier eine Eingabe macht, muss sich in Geduld fassen.

Aber Indien wäre nicht Indien, wenn im Chefbüro nicht die nächste Überraschung wartete, Madame Sabitha, die Staatssekretärin. Gerade ist sie noch im Gespräch mit fünf Herren, die von den Schultern bis zu den Sandalen in langes, weißes Tuch gewandet sind, aus dem unten nur die Zehenspitzen herausschauen. Die Herren nicken und nicken, sie sind sich sehr einig mit ihrer Vorgesetzten. Dann gehen sie und geben den Blick frei auf eine schöne Frau unbestimmbaren Alters, die mit wenigen Sätzen erkennen lässt, dass sie ihrem Land Schub verleihen will.

Madame Sabitha passt zu ihrem Bürotrakt wie Oslo zu Chennai. Sie hat einen iMac, ein iBook und ein iPhone, und auf jede Frage weiß sie eine klare Antwort.