Russland zählt sicherlich nicht zu den Kernländern der historischen Aufführungspraxis. Zwar haben sich in der Vergangenheit einzelne Musiker und Ensembles durchaus bemüht, einem "Originalklang" nachzuspüren – große internationale Aufmerksamkeit haben sie damit allerdings nicht erlangt. Doch inzwischen tut sich auch in Russland gewaltig viel auf diesem Gebiet. "Am Moskauer Konservatorium gibt es mittlerweile ein Department für historische Aufführungspraxis, die Situation hat sich sehr geändert", erzählt Julia Lezhneva am Telefon. Sehr leise spricht sie, wirkt zurückhaltend, vielleicht sogar etwas schüchtern. Dabei ist die Sopranistin für die russische Entwicklung selbst die beste Kronzeugin, auch wenn sie Anfang Dezember erst 24 Jahre alt wird.

Es ist erstaunlich, wie konsequent und ungezwungen zugleich die auf Sachalin im fernen, exotischen Osten Russlands als Tochter zweier Geophysiker geborene Musikerin nicht nur Fragen nach einem historisch informierten Gesang aufwirft, sondern dabei zu sehr eigenen Lösungen gelangt – ganz natürlich, alles andere als verkopft oder verzopft. Mit dieser Haltung steht Julia Lezhneva exemplarisch für eine Generation, die sich von den Hörgewohnheiten und Interpretationsklischees des 20. Jahrhunderts befreit, um stilistisch eine größtmögliche Offenheit und Flexibilität zu leben. Das zeigt höchst eindrücklich auch ihre jüngste CD, mit Motetten von Vivaldi, Händel, Nicola Porpora und Mozart.

Von dem recht plärrigen, abgegriffenen Titel Alleluia sollte man sich nicht abschrecken lassen. Dahinter verbirgt sich keineswegs die nächste rein kulinarische Häppchen-CD, wie sie in ermüdender Regelmäßigkeit auf den Markt geworfen werden, im Gegenteil. Dieser Motetten-Mix öffnet Ohren, obwohl oder weil die Karriere der Lezhneva noch so jung ist. Zum internationalen Durchbruch kam es, als sie 2010 unter Marc Minkowski bei der Salzburger Mozartwoche und kurz darauf auch bei den Salzburger Festspielen debütierte. Zuvor hatte der französische Dirigent die Sängerin eingeladen, an einer Aufnahme der Bachschen h-Moll-Messe mitzuwirken (Naïve). Wie hat er sie entdeckt? "Durch ein Video auf YouTube", sagt sie und lächelt – Generation Internet eben.


Seither hat sie mit vielen Größen der Originalklangszene gearbeitet. Auf Alleluia wird sie von Giovanni Antonini und dessen Ensemble Giardino Armonico unterstützt, in vollendetem Zusammenspiel. Noch in bester Erinnerung sind die Beethoven-Sinfonien, die Antonini mit dem Kammerorchester Basel eingespielt hat – mit straffen Tempi und Klangschärfungen. Noch wichtiger aber: das Vivaldi-Album, das der Italiener 1999 mit Cecilia Bartoli erarbeitete. Da war Lezhneva knapp zehn Jahre alt. Trotzdem gehört diese Vivaldi-CD zu ihren Schlüsselerlebnissen: "Durch Cecilia Bartoli bin ich zur Alten Musik und zum Originalklang gekommen."

Cecilia Bartolis Vivaldi-Album war ihr Schlüsselerlebnis

"Ich war total überrascht und begeistert, denn eigentlich habe ich mich für diese Epoche, was das Singen betrifft, überhaupt nicht interessiert", so Lezhneva. Damals spielte sie hauptsächlich Klavier, bis sie ein Lehrer in Moskau, wohin die Familie gezogen war, auf Bartolis Vivaldi-Album aufmerksam machte. "Ich konnte gar nicht glauben, dass das eine menschliche Stimme war – so schnell, so virtuos und frei. Ich war sprachlos."

Ein Bartoli-Klon ist aus der jungen Russin freilich nicht geworden. Längst setzt sie eigene Akzente, beispielhaft etwa in Vivaldis In furore iustissimae irae. Die halsbrecherischen Koloraturen nimmt sie technisch absolut souverän, ohne sie jemals allzu scharf oder direkt anklingen zu lassen. Im Vordergrund steht vielmehr Lezhnevas reiches Farbenspektrum, das völlig mühelos zwischen hell und dunkel, klar und gedämpft changiert. Dieses Maß an Differenzierung verblüfft und nimmt unmittelbar gefangen – auch weil hörbar wird, wie intensiv sie sich dafür mit Fragen der Artikulation und Phrasierung auseinandergesetzt haben muss. Unter Sängern ist das alles andere als selbstverständlich.

Denn wenn die historische Aufführungspraxis heute an etwas krankt, dann ist es oftmals der Gesang: An den Dirigentenpulten und in den Orchestergräben sind die absoluten Spezialisten am Werk – und gesungen wird wie im 19. Jahrhundert, mit viel Stimme und noch mehr Vibrato. Lezhneva hingegen ist bei Giovanni Antonini in die Schule gegangen. Die Vivaldi-Oper Ottone in Villa war ihre allererste Begegnung mit der Barockoper. "Bis dahin hatte ich überhaupt keine Erfahrung damit, wie man beispielsweise ein Rezitativ aufbaut und entwickelt. Antonini hat mir das ganz genau erklärt, die Gestaltung einzelner Wörter, ja Silben und wie sich trotzdem die musikalische Linie aufrechterhalten lässt, die Phrase. Dass Musik spricht, das habe ich bei ihm gelernt."

Die Frage nach einem "Originalklang-Gesang"

Eine "ganze Enzyklopädie" habe der Italiener ihr "in den Kopf gepflanzt", so Julia Lezhneva, von der sie bis heute zehre. In Händels Motette Saeviat tellus inter regores etwa ist das gut zu hören , nicht nur, was den wohldosierten, hochbewuss- ten Einsatz des Vibratos betrifft, den Lezhneva pflegt.

Die Sänger, wie gesagt, hinken den Instrumentalisten aufführungspraktisch insgesamt noch hinterher. Seit den 1990er Jahren haben sich selbst große, moderne Sinfonieorchester mit Fragen einer historisch informierten Phrasierung und Artikulation beschäftigt, um sich klanglich öffnen zu können. Als Ergebnis wurde vor allem das standardisierte Dauervibrato des 20. Jahrhunderts überwunden, bei den Streichern also der berüchtigte "Wackelfinger". Natürlich gab und gibt es im Solo-Gesang auch Ausnahmen, besonders unter den Countertenören; allerdings war die Renaissance dieses Stimmfachs im 20. Jahrhundert eng und unmittelbar mit dem Aufkommen der historischen Aufführungspraxis selbst verknüpft.

Die Pioniere der Bewegung kamen aus England und waren Countertenöre

Gerade in England, wo die Countertenöre in der Kirchenmusik traditionell eine herausragende Rolle spielten und Komponisten wie Henry Purcell das Fach gerne anstelle der langsam aus der Mode kommenden Kastraten einsetzten, wurde Herausragendes geleistet. Ein großer Pionier im 20. Jahrhundert war der 1912 geborene englische Countertenor Alfred Deller: Er setzte sich nicht nur als Erster für das nahezu vergessene Counterfach ein, sondern revolutionierte darüber hinaus den Gesang durch den Originalklang. Dafür steht das Deller Consort, das er 1948 gründete und das später von seinem Sohn Mark Deller übernommen wurde.

Mit ihrem interpretatorischen Profil regten die Dellers die Gründung weiterer Vokalensembles an, vor allem seit den 1970er Jahren – auch die King’s Singers zählen zu ihren "Zöglingen". Wie sehr Dellers Wiederbelebung der Counterstimme auch Komponisten beeinflusste, zeigt Benjamin Brittens Oper A Midsummer Night’s Dream. Die Rolle des Oberon hatte Britten eigens für Dellers Stimme kreiert. Eine Entwicklung, die bis ins Russland des 21. Jahrhunderts reicht?

"Nach meinem Geschmack ist gerade in der Barockmusik das Vibrato sehr eng verbunden mit dem gesungenen Wort", sagt Julia Lezhneva. "Die Bedeutung der Worte, ihre Richtung und Phrasierung, aber auch die Affekte – das alles berührt das Vibrato. Vor allem sollte dieses Mittel ganz natürlich aus der Sprache selbst kommen, auch was die Betonung angeht. Nehmen Sie meinen Namen zum Beispiel, da sollte das Vibrato auf der ersten Silbe erfolgen: Lezh-neva und nicht Lezhne-va." So einfach ist das oder scheint es wenigstens zu sein. Und so konsequent. Und wenn die jeweiligen dramatischen Affekte, die Klangfarben oder der Rhythmus der Sprache selbst es verlangen, dann verzichtet Lezhneva auch schon mal ganz aufs Vibrieren – in Nicola Porporas In caelo stelle clare zum Beispiel: mit glasklaren Trillern und Verzierungen und einer stimmlichen Attacke, die toll ist und den Bogen doch nie überspannt.

Zudem zeigt ihre unverbrauchte Gestaltung von Mozarts Megahit Exsultate, jubilate, der auf dem Motetten-Album ebenfalls vertreten ist, dass sich die Frage nach einem "Originalklang-Gesang" keineswegs auf die Alte Musik beschränkt. Selber hat sie dazu bereits etwas Belcanto-Repertoire beigesteuert, ein Album mit Rossini-Arien, und auch das Verdi- und Wagner-Jahr 2013 offenbarte einmal mehr, wie sehr hier ein geradezu gigantisches Erneuerungspotenzial schlummert. So weit möchte Julia Lezhneva freilich nicht vorausblicken, und das ist für eine 23-Jährige natürlich gut so. "Noch immer klingt Barock nicht wie Barock, und manchmal habe ich auch bei Rossini oder Bellini meine Zweifel, ob das damals wirklich so geklungen haben kann." Julia Lezhneva stößt mit ihrem Gesang eine notwendige Diskussion an. Das ist mehr als viel. Wir haben lange darauf gewartet.