Alexander von Humboldt, einer der größten Entdecker und Naturforscher des 19. Jahrhunderts, hat geschrieben, man müsse die Erscheinung der Dinge in ihrem Zusammenhang sehen, um alles Geschaffene im Himmel und auf der Erde zu verstehen.

Dinge in ihrem Zusammenhang zu sehen – das tun wir heute eher selten; es ist die Tragik unserer Zeit, dass Spezialisten die Wirklichkeit in winzige Teile zerlegen und die Öffentlichkeit sich in der Kurzfristigkeit des Augenblicks verliert. Kritische Theorien, die gesellschaftliche Entwicklungen längerfristig zu deuten versuchen, werden dabei an den Rand gedrängt.

Umso wichtiger ist es, sich an einen Menschen zu erinnern, der die Erde nach Humboldtschem Prinzip neu vermessen hat: Paul Crutzen heißt er, lange Jahre war er Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. 1995 hat der Niederländer mit Mario Molino und Frank Sherwood Rowland für die Erforschung des Ozonabbaus den Nobelpreis für Chemie erhalten.

Aber sein wichtigster Beitrag für die Neuvermessung der Welt ist ein kurzer Aufsatz, den er 2002 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte. Sein Titel lautet The Geology of Mankind. Crutzen schreibt dort, wie der Mensch zur größten Naturgewalt geworden ist und die Natur in nie gekannter Weise formt.

Der Mensch bewegt heute mehr Erde als die Natur

Nachdem die Menschheit sich über Jahrtausende hinweg gegen die Übermacht der Natur behaupten musste, drehte sich das Verhältnis irgendwann um: Die Menschen setzten mit der industriellen Revolution wirtschaftliche und technische Prozesse in Gang, deren Konsequenzen sie nicht kannten, die aber enorm sind. Dieses Phänomen nannte Crutzen "Anthropozän".

Heute schichtet der Mensch dreißigmal mehr Sediment und Erde um als die Natur selbst, verbraucht neunmal mehr Wasser als vor hundert Jahren. Bereits 2008 wurde laut Internationaler Energieagentur das Plateau der Ölförderung erreicht. Der Mensch ist zum stärksten Treiber geologischer und ökologischer Prozesse aufgestiegen.

Die sieben Milliarden Menschen auf dem Erdball lenken die Evolution in neue Bahnen: Sie legen Monokulturen an, rotten Tier- und Pflanzenarten aus, begradigen Flüsse, entfischen Meere, beuten natürliche Rohstoffreserven aus. Tropische Wälder verschwinden in beängstigendem Tempo, mehr als drei Viertel der eisfreien Landflächen existieren nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand. In vielen Strandregionen besteht feiner Sand bereits zu 40 Prozent und mehr aus Plastik. Schuld daran ist der Mensch, seine Konsum- und Wirtschaftsweise. Meere erwärmen sich, und auch deshalb entstehen immer dramatischere Stürme und Taifune – wie zuletzt der Haiyan auf den Philippinen.

Es erscheint mir angemessen, die gegenwärtige, vom Menschen geprägte Epoche als Anthropozän zu bezeichnen.
Paul Crutzen, Chemie-Nobelpreisträger

Angesichts dieser globalen Krise der Natur, die in engem Zusammenhang mit der nachholenden Industrialisierung großer, bevölkerungsreicher Staaten wie China, Indien und Brasilien und gesehen werden muss, brauchen wir Teile von Crutzens Theorie für eine Annäherung an die neue Wirklichkeit.

Der Gedanke des Anthropozäna kam dem Forscher im Jahr 2000 auf einer Konferenz des Weltklimarates (IPCC). Er intervenierte, als viele Teilnehmer noch immer vom Holozän sprachen, also von der gemäßigten Warmzeit, die seit 11.700 Jahren die Entwicklung der menschlichen Zivilisation prägt und die rasche Entwicklung der Verstädterung und Landwirtschaft ermöglicht hat. Crutzen stellte deren weitere Gültigkeit infrage, die kaum je angezweifelt wurde, seit sie 1885 auf einem geologischen Kongress in London etabliert worden war.

Anknüpfend an den italienischen Geologen Antonio Stoppani, der schon 1873 eine "neue telluristische Kraft heraufziehen" sah, die es "an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur" aufnehmen könne, schlug Crutzen vor, unsere Erdepoche neu zu benennen. "Es erscheint mir angemessen, die gegenwärtige, vom Menschen geprägte Epoche als Anthropozän zu bezeichnen", sagt er.

Erste Folgen sind nicht mehr zu verhindern

Für jeden ist der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel erkennbar. Allein im vergangenen Jahrhundert wurde der Kohlendioxidausstoß versiebzehnfacht, und in weniger als drei Jahrzehnten wird eine globale Erwärmung um mehr als zwei Grad Celsius nicht mehr zu verhindern sein.

Inzwischen hat die vor mehr als 200 Jahren gegründete Geological Society of London, die älteste Vereinigung ihrer Art, Crutzens Gedanken aufgegriffen. Ihre Aufgabe ist es, die 4,5 Milliarden Jahre lange Geschichte unserer Erde in zeitliche Epochen zu gliedern, die übergeordnete geologische Prozesse widerspiegeln; die 21 Mitglieder ihrer Stratigraphischen Kommission führten vor einiger Zeit in einem Bericht zusätzliche Belege dafür an, dass das Holozän vorbei sei. Einstimmig empfahlen sie, dem Vorschlag Crutzens zu folgen und ein neues, vom Menschen verursachtes Zeitalter der Erde zu verkünden. Die Entscheidung der Geological Society of London wird für 2015 erwartet.