NS-Raubkunst – da dachte man doch, bei dem Thema seien jetzt alle gewarnt. Dann aber diese Auktion am vergangenen Samstag im eigentlich wunderbaren Berliner Auktionshaus Bassenge: Nonchalant versteigerte man dort eine Zeichnung von Max Liebermann, obwohl es eindeutige Warnungen gab, dass es sich hier um einen Fall von Raubkunst handeln könnte – auch wenn diesmal der Name Gurlitt keine Rolle spielt.

Die Zeichnung wurde von Bassenge auf 2000 Euro geschätzt und für einen Preis von 5800 Euro versteigert. Es ist ein höchst persönliches Blatt von 1885, man sieht die lesende Martha, die Frau des Künstlers; sie war damals schwanger. Unten links prangt Max Liebermanns Nachlassstempel auf dem Velinpapier. Das ist der Beweis, dass die Zeichnung noch beim Tod des Künstlers 1935 der Familie gehörte. Nachdem Martha Liebermann sich 1943 – ihr drohte die Deportation ins KZ Theresienstadt – das Leben genommen hatte, beschlagnahmte die Gestapo die Sammlung Liebermann, darunter auch Zeichnungen. Ob dieses Blatt dazugehörte, wann und wie es in die Hände von Friedrich Winkler geriet, der 1933 zum Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts berufen worden war, ist unklar. Von Winkler ging es an eine Münchner Galerie, die das Blatt 1978 weiterverkaufte. Jetzt wurde es aus "Berliner Privatbesitz", so der Katalog, bei Bassenge eingeliefert.

Schon seit einigen Jahren fahnden die Urenkelinnen von Martha und Max Liebermann mithilfe der Berliner Provenienzforscherin Monika Tatzkow und des Anwalts Georg Castell auch nach dieser Zeichnung. Sie ist auf der öffentlichen, von Bund und Ländern betriebenen Datenbank lostart.de als Suchmeldung eingetragen. Doch das scherte das Auktionshaus wenig. Die Erben hätten die Besitzer früher ausfindig machen können, als diese die Zeichnung für öffentliche Ausstellungen ausliehen, erläuterte Tilman Bassenge der ZEIT. Der Anwalt Castell kontaktierte das Auktionshaus, als dessen Katalog erschienen war. Er wollte sich mit Bassenge und dem anonymen Einlieferer auf eine faire Lösung einigen, sagt er. Es sei den Erben nicht um Geld, sondern um Aufklärung und Frieden gegangen. Doch Bassenge sah keinen Anlass für Verhandlungen. Ein "verfolgungsbedingter Entzug" durch den Museumsdirektor Winkler sei "kaum vorstellbar". Belege für einen Erwerb zu angemessenem Preis nennt er allerdings nicht.

Das Auktionshaus argumentiert kaltherzig legalistisch. Gegenüber der ZEIT bezichtigte es Restitutionsanwälte pauschal des "Artnappings". Mit dieser Form der Vergangenheitsbewältigung wird der Kunsthandel hoffentlich keine Zukunft haben.