In die gefährlichste Straße von Rio de Janeiro gelangt man über die Avenida Brasil, einen stark befahrenen Zubringer zum Flughafen. Man überquert einen stählernen Treppenübergang und betritt eines der 500 Elendsviertel von Rio de Janeiro, den Favela-Komplex Maré. Am Eingang, links und rechts des Weges, liegen Menschen, ihre Münder halb geöffnet, einige unter Brückenpfeilern und andere schutzlos der gleißenden Mittagssonne ausgesetzt: Crack-Abhängige, die einen Rausch ausschlafen.

"Drogen? Mädchen? Jungen?", fragt eine Frau auf Stöckelschuhen nach den Wünschen der Besucher. Eine Handvoll junger Prostituierter sitzt daneben auf einem Bordstein. Sie sind vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, sie kichern und rempeln sich an. Ein paar Schritte weiter versperrt eine Gruppe Halbstarker den Weg, ihre Augen flackern nervös. "Hier darf keiner weitergehen", sagt einer und fuchtelt mit den Armen, "hier sind bandidos! Bandits! Understand?" Um sicherzugehen, dass man es auch wirklich verstanden hat, formt er seine Arme zu einem Gewehr, mit dem er in die Luft zielt und den imaginären Abzug betätigt. "Phiuw!"

Nova Holanda wird diese Gegend genannt; eine recht große Favela voller provisorisch zusammengemauerter Häuschen, vielerorts liebevoll mit Vorhängen, Blumenkübeln, oder Kletterpflanzen verschönert. Jenseits des Eingangs mit seinen traurigen Angeboten findet hier ganz normaler Alltag statt: Die Straßen sind voller Passanten, es gibt Marktstände, ein Postbote in knallig blau-gelber Uniform liefert Briefe aus. Kleinlaster voller Bierkisten und Gasflaschen quälen sich hupend durch die engen Gassen.

Doch die äußerliche Normalität täuscht: Nova Holanda ist zugleich das Territorium der ältesten und brutalsten Drogenbande Rio de Janeiros. Hier erhebt das Comando Vermelho, das Rote Kommando, seinen Herrschaftsanspruch. Wenn man noch ein paar Hundert Meter weitergeht, trifft man auf die Rua Ivanildo Alves, "die Grenze", wie sie bei vielen Einwohnern heißt. Dahinter haben die Todfeinde des Roten Kommandos das Sagen, das Terceiro Comando (Drittes Kommando).

Nirgendwo sonst in der Stadt wurde in den vergangenen Jahren so häufig von erbitterten nächtlichen Häuserschlachten berichtet wie an dieser Gebietsgrenze. Pistolen und Automatikwaffen kommen hier zum Einsatz, Handgranaten und sogar Mörser aus den scheinbar unerschöpflichen Arsenalen beider Seiten.

Neuerdings herrscht wieder besonders viel Angst in Maré: Die Bandenkriege sind frisch ausgebrochen. Gerade erst mussten die Schulen in dieser Gegend tagelang schließen, und das Rote Kreuz brachte den Kindern bei, wie man sich vor herumfliegenden Kugeln in Acht nimmt ("Bloß nicht ans Fenster gehen"). Im Rest der Stadt geht außerdem die Angst um, dass Zustände wie in der Rua Ivanildo Alves wieder auf ganz Rio de Janeiro übergreifen könnten. Ausgerechnet jetzt, da die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Sommerspiele bevorstehen; ausgerechnet jetzt, da am 6. Dezember die Auslosung der WM-Gruppen die Nachrichten bestimmen soll und Rio de Janeiro als einer der wichtigsten Austragungsorte eigentlich in fröhliche Fußballstimmung geraten sollte.

Für einige Zeit sank die Zahl der Überfälle und Morde

Genau das sollte verhindert werden: dass die Gewalt der Drogenkriege wieder einmal, wie in den neunziger Jahren und Anfang des Jahrtausends, die Stadt in Schrecken versetzt. Mit einem beispiellosen Aufgebot Tausender Polizisten hat die Regierung seit 2008 inzwischen 36 der rund 500 Favelas Rio de Janeiros besetzt. Sie hat Drogenbosse vertrieben, Wachen und Patrouillen rund um die Uhr eingerichtet. Besonders kümmerte sich die Staatsmacht um die Favelas in der Nähe der belebten Touristengebiete, also der Strände, der Innenstadt und des Maracanã-Stadions. Und tatsächlich sanken in den ersten Jahren die Mordraten und die Zahl der Raubüberfälle, in den Elendsvierteln wie auch in den wohlhabenden Wohngegenden ringsherum.

Doch dieser Effekt ist offenbar verpufft. Über die Sommermonate dieses Jahres hat die Anzahl der gemeldeten Überfälle gegenüber dem Vorjahr um 46 Prozent zugelegt. Das deckt sich mit dem Empfinden der Menschen in Rio. Aus den Favelas nahe der Strände sind nachts wieder Schüsse zu hören, an der Copacabana haben sie kürzlich eine Leiche gefunden, vergangenes Wochenende wurde ein 19-Jähriger auf offener Straße im Ausgehviertel Lapa erstochen. Touristen werden am helllichten Tage Kameras und Schmuck entrissen, Banditen filzen Busreisende und Wandergruppen, noble Restaurants und ganze Strandabschnitte voller Badegäste.

Und die Polizei? Sie kündigte hastig ein Shock-and-Awe-Programm an, eine Taktik des harten Durchgreifens; sie werde noch besser aufpassen und die Kriminellen das Fürchten lehren. Doch daran glauben in Rio derzeit die wenigsten. Denn dass die Gewalt zurückkehrt, hat weniger mit mangelndem Polizeieinsatz zu tun als mit ökonomischen Gründen. Es liegt an der besonderen Art, wie in Rio de Janeiro das Verbrechen organisiert ist – und unter welchen Umständen das Verbrechen solch hemmungslose Gewalt entfacht.