Seht, für uns bleibt nichts! Wie begossene Pudel stehen die drei bürgerlichen Jungspunde im Treppenaufgang des Bundeshauses. Mit Kummermienen strecken sie dem Fotografen ihre leeren Portemonnaies entgegen. "Jungpolitiker fürchten um die Renten ihrer Generation", titelt der Sonntagsblick später über das Bild. Einer der drei Mittellosen, FDP-Nationalrat Andrea Caroni (33), lässt sich mit den Worten zitieren: "Die Schweiz lebt den Generationenvertrag heute zulasten der Jungen."

Da ist er wieder. Der Clash der Generationen. Der Dauerkampf in den hoch entwickelten Staaten, in denen die Menschen älter und älter werden und der Anteil der Grauhaarigen, wie man hört, offenbar dramatisch steigt. Ausgebeutete Junge gegen geldgierige Alte. Die einen blechen, die anderen kriegen. Und alles spricht von einem Vertrag, den nur die eine Seite, nämlich die Alten, unterschrieben hätten, weil die Jungen ihn noch gar nicht hätten lesen können, als er geschlossen wurde. Und der gebrochen werde – weil für die Jungen kein Geld mehr übrig sei, wenn sie selber alt seien.

1960 zahlten noch sechs Junge für einen Pensionär. Heute sind es nicht einmal mehr vier Berufstätige, die eine Rente berappen. Im Jahr 2050 werden – im schlimmsten Fall – auf einen Alten gerade noch zwei Junge kommen. Und soeben verkündete die Industriestaaten-Organisation OECD: Die höchste Lebenserwartung haben nicht mehr die Japaner, sondern die Schweizer. Sie werden im Durchschnitt 82,8 Jahre alt, Weltrekord. Und Tag für Tag kommen sechs Stunden hinzu. Und Jahr für Jahr drei Monate.

Es scheint sich zu bewahrheiten, wovor Politiker wie Experten seit Langem warnen: Uns droht die Rollator-Schieflage. Die Alterung, so erzählen die ökonomischen Propheten, trifft uns bald mit der Wucht einer Naturgewalt. Und sie treibt einen Keil zwischen die Generationen. Oder wie die Chefin einer der größten Schweizer Pensionskassen kürzlich in der NZZ am Sonntag sagte: "Es ist absehbar, dass diese Jungen irgendwann sagen: Wir haben keine Lust mehr, eure hohen Renten zu zahlen."

Warum aber ist im Alltag so wenig zu spüren von diesem Krieg?

Eine prächtige Jugendstilvilla am St. Galler Rosenberg. Hier, in einer Wohnung mit Blick auf die nebelverhangene Stadt, lebt der emeritierte Soziologieprofessor Peter Gross, 72, mit seiner Frau. An den Wänden hängen dunkle Ölbilder, auf dem Boden liegen schwere Teppiche. Gross, graue Haare, filigrane Brille, lehrte an der HSG und an der Universität Bamberg. Er serviert Kaffee, setzt sich an den runden Tisch und sagt: "Das Wachstum der Lebenserwartung ist die größte zivilisatorische Errungenschaft der letzten 200 Jahre. Aber das wird überdröhnt von der Frage: Sind unsere Renten sicher?"

Kürzlich publizierte Peter Gross das Buch Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu? Es ist eine Streitschrift für das Älterwerden – nicht nur das eigene, sondern auch jenes der Gesellschaft. Darin geißelt der Professor das "endlose Palaver" über Rentenalter 64, 65 oder 67. Er räumt auf mit dem "ganz falschen und üblen" Mythos, dass die Jungen für die Alten zahlen müssten: "Wenn meine Studenten sagen: Wir müssen die Alten durchfüttern!, dann frage ich sie: Und wer bezahlt euer Studium?" Denn es sind die Erwerbstätigen, einschließlich der Alten, die den Staat finanzieren, welcher wiederum aufkommt für Alte wie Junge. Das Buch gipfelt im Satz: "Die Alterung der Schweiz ist ein Glück."

Meint er das ernst? "Klar", sagt Gross und rückt die handschriftlichen Notizen auf dem Tisch zurecht: "Alle empirischen Studien zeigen: Es gibt keinen Generationenkonflikt." So wollen Kinder, die ihre Eltern pflegen, damit nicht Geld sparen, sondern sie tun es in über 90 Prozent der Fälle aus Liebe und Zuneigung. Das zeigte die Studie SwissAgeCare 2010. Und die Jungpolitiker mit den leeren Portemonnaies? Peter Gross lächelt. "Mit penetranter Naivität werden Jung und Alt gegeneinandergestellt. Das lässt sich nicht mehr halten." Nicht nur werden wir immer älter, wir haben auch immer weniger Kinder.

Eine Katastrophe!, prophezeien Ökonomen.

Da muss man etwas tun!, fordern Politiker.

Ein Segen, meint Peter Gross. "Stellen Sie sich die Zuneigung vor, die von den Großeltern, den Alten, auf diese Kinder zuströmt. Kinder, die dermaßen geliebt und gefördert werden, werden ihren Eltern später auch etwas zurückgeben." Er selbst merkt es im Verhältnis zu seinen Kindern: Fast täglich bekommt er Anrufe oder E-Mails. "Ich selber habe meinem Vater alle halbe Jahre einen Brief geschickt."

Peter Gross lehrte noch in Bamberg, als er sich erstmals Gedanken übers Altern machte. Damals sagte ein Kollege zu ihm: "Hör mal, Peter, in dich zu investieren ergibt keinen Sinn mehr. Du bist sowieso bald weg." Das ärgerte ihn. Da gewinnt der Mensch dreißig Lebensjahre, aber man lässt sie einfach liegen wie ein unausgepacktes Geschenk. Und statt die Beziehungen zwischen Enkel und Urgroßmutter, Tochter und Großvater als ein Rückgrat der Gesellschaft zu erkennen, debattiert man die "Überalterung". Das Alter als Katastrophe.