Es ist immer noch die größte Angst der Deutschen: dass sich irgendwann ein bösartiger Tumor entwickelt. Sich durch eine Chemotherapie quälen zu müssen. Schmerzen zu haben. Haare, Freunde und alle Lebensfreude zu verlieren und schließlich dem Tod ins Gesicht sehen zu müssen. Das hat soeben wieder eine Studie der DAK bestätigt. Gefragt, vor welcher Krankheit sie sich am meisten fürchteten, nannten 67 Prozent der Deutschen an erster Stelle Krebs – den König aller Krankheiten, wie ihn der Krebsforscher Siddhartha Mukherjee in seinem berühmt gewordenen Buch betitelt hat.

Diese Angst kann lähmen, sie kann sprachlos machen; sie kann Menschen aber auch dazu bringen, über sich hinauszuwachsen, den Mut der Verzweiflung in sich zu entdecken und dem Schrecken etwas entgegenzusetzen. Das zeigt aktuell etwa Wolfgang Herrndorfs zu Recht gelobtes Tagebuch Arbeit und Struktur über sein Leben mit Krebs; das zeigte aber auch das ZEIT-Interview mit dem Regisseur Helmut Dietl vergangene Woche, in dem dieser in ungewöhnlich offener Weise seinen Umgang mit einem jüngst diagnostizierten Lungenkarzinom thematisiert.

Dietl benennt vieles von dem, was Menschen mit einer Krebsdiagnose umtreibt: die Furcht etwa, in eine gnadenlose Medizinmaschinerie hineinzugeraten, die den Patienten bis zum Ende mit Strahlen, Zellgiften und Operationen traktiere; die Angst vor immer weiteren Behandlungen, die einem jede Menschlichkeit raube. Er wolle das alles nicht, sagt Dietl. Angesichts einer Heilungschance von nur zehn Prozent habe er sich entschlossen, dass er "diese ganze Prozedur nicht mitmache, also diese Radio-Chemo-Dingsda".

Man kann diese sehr persönliche Entscheidung nur respektieren und Dietls Mut zur Offenheit bewundern. Zugleich wirft das Gespräch die Frage auf, was den Umgang mit dieser Krankheit bestimmt. Warum ergeben sich die einen dem Schicksal Krebs, während andere in den Kampf ziehen und alle Möglichkeiten ausschöpfen, die die moderne Medizin zu bieten hat – auch wenn das immens viel Kraft kosten kann?

Solche Abwägungen stellen Patienten und Ärzte in jedem einzelnen Fall vor eine große Herausforderung. Gemeinsam müssen sie jene existenziellen Grundfragen erörtern, die der Entscheidung für oder wider eine Therapie zugrunde liegen. Dazu gehören nicht nur medizinische Fakten, etwa die statistische Lebenserwartung bei einer bestimmten Krebserkrankung oder die Wirksamkeit einzelner Therapieformen. Dazu gehören auch die ethischen Überzeugungen und individuellen Erfahrungen des Patienten, die für sein Verständnis von einem guten Leben und einem guten Sterben ausschlaggebend sind.

"Jeder Patient ist anders, hat einen anderen Tumor, eine andere Prognose, andere Lebensumstände. Deswegen muss man mit jedem eine absolut individuelle Entscheidung treffen", sagt der Onkologe Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie. Das heißt: Jedes Jahr müssen 480.000 individuelle Entscheidungen in Deutschland getroffen werden. So viele Menschen erkranken hierzulande jährlich an Krebs.