Zuhause ist dort, wo man bleiben kann, sagt Eva Leitolf über ihre Fotoserie "Clearing"

Einzig. Allein. Nirgends. Nicht stören. Gast. In zarter Schrift, mit Bleistift geschrieben, stehen diese Wörter auf dem Putz über dem Bett. Jemand hat sie dorthin geschrieben, dem sie wichtig waren. Der sie lernen wollte.

Weise. Beten. Respekt. Angenehm. Zur Zeit. Unbedeutend. Tatsachen. Vielleicht ist sein Asylantrag genehmigt worden. Vielleicht nicht, und er lebt mit der Angst, abgeschoben zu werden. An der Wand der Unterkunft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in München sind nur seine Spuren geblieben. Eva Leitolf hat sie festgehalten. Seit 2011 fotografiert sie in der alten Bayernkaserne in München, in der jugendliche Asylbewerber untergebracht sind. Leitolf hat Toumani und Bashir kennengelernt, Ahmad, Ali und Elias, Mawlid und Hossein. Teenager, zwischen 16 und 18 Jahre alt, traumatisiert vom Krieg in Somalia, im Irak oder in Afghanistan. Sie haben sich allein nach Europa durchgeschlagen. Manche wurden von ihren Eltern geschickt. Manche haben keine Eltern mehr. Sie haben hier gewohnt, zu zweit oder dritt in einem Zimmer, Bad auf dem Gang. Ein Leben ohne Rückzugsmöglichkeit. Um die Erlaubnis zu bekommen, eine Schule zu besuchen, müssen junge Flüchtlinge eine Prüfung ablegen. "Ich will lernen", sagte einer von ihnen zu Eva Leitolf, "aber hier finde ich keine Ruhe." Privat sind im Heim nur das Bett und die Wand, an der es steht. Ein paar Quadratmeter, die etwas erzählen über die Bewohner. Wie die Zeichnungen über dem Bett von Hossein: Frauen mit wildem Haar und wenig Kleidung, die Venus von Botticelli, eine Vokabelliste, verhaften, vergeben, verfolgen. Jedes Bild hat er signiert, mit Datum, Namen und seinem Zeichen: einem Herzen, gebildet aus dem Buchstaben L, O, V und E.

Unschuld. Ungewiss. Bleiben. Wer hier ist, ist angekommen und ist es doch nicht. Das Heim ist eine Erstunterkunft, hier darf eigentlich keiner länger bleiben als drei Monate. Junge Flüchtlinge sollen von der Jugendhilfe betreut werden, in Einrichtungen, wo es mehr Platz gibt und mehr Betreuer. Aber manche sind schon seit einem Jahr hier. Ein Leben im Zwischenraum. Als Eva Leitolf die Bilder machte, begann sie, über den Begriff Zuhause nachzudenken. Dass ein Zuhause nicht da ist, wo man Bilder aufhängt. Sondern dort, wo man Gewissheit findet. Wo man bleiben kann.

Clearing heißt die Fotoserie, sie ist parallel entstanden zu Leitolfs Postcards from Europe, die wir im März 2011 im ZEITmagazin zeigten. Dafür hat sie Strände fotografiert, an denen Leichen aus gekenterten Flüchtlingsschiffen angeschwemmt wurden. Oder Leitern, mit denen Menschen versucht haben, den Grenzzaun im spanischen Melilla zu überwinden. Was an diesen Orten geschah, sieht man auf den Fotos nicht. Sie zwingen uns dazu, es uns vorzustellen. Auch auf den Bildern aus dem Heim sind keine Menschen zu sehen. Leitolf will nicht Einzelschicksale zeigen, sondern die strukturellen Zusammenhänge dahinter. Wie gehen wir als Gesellschaft damit um, dass immer mehr Menschen bei uns Zuflucht suchen?

Zuletzt waren 180 Flüchtlinge in dem Heim untergebracht, in dem nur Platz für 120 ist. Sie müssen sich, so berichten es Ärzte, die das Heim besucht haben, zehn Kochplatten und 16 Toiletten teilen, wohnen zu fünft oder sechst in einem Raum, schlafen in Doppelstockbetten, auf denen tagsüber manchmal Stühle liegen, um Platz zu schaffen. Sie erzählen von gewalttätigen Übergriffen, Selbstverletzungen, Drogen. Ende November traten einige Flüchtlinge in Hungerstreik, um gegen die langen Asylverfahren und ihre Unterbringung zu protestieren. Anfang 2014 sollen nun alle minderjährigen Flüchtlinge in Bayern auf Jugendhilfe-Einrichtungen verteilt werden – vorausgesetzt, es gibt dort genug Plätze. Das Heim würde dann geschlossen. Bleiben werden die Wörter, die diese Jugendlichen als Erstes gelernt haben. Angst. Lass los. Die Wand.

"Clearing" wurde im Rahmen des vom Goethe-Instituts initiierten Projektes "Die Zukunft fotografieren" gefördert. Die Ausstellung zum Projekt wird ab 7. Februar 2014 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zu sehen sein.