Anna Wahli war gerade mal acht, als es das erste Mal passierte. Sie trug ihr rotes Kleid mit dem Spitzenkragen, das blonde Haar offen. Sie trat vor ihn hin, verängstigt, wie sie später schrieb. Beunruhigt von seinen stechenden Blicken. Doch auch neugierig, was geschehen würde, hier im Atelier des berühmten Künstlers Balthasar Kłossowski de Rola, den alle nur Balthus nannten. Balthus, der große Katzen- und der noch größere Mädchenmaler.

Fast jeden Mittwoch sollte Anna nun kommen, acht Jahre lang. Niemand zwang sie, ihre Eltern waren einverstanden. Und obwohl sie oft lieber mit ihren Freunden gespielt hätte, ging sie zu ihm. Immer gab es Süßigkeiten, und was noch wichtiger war: Immer gab es ungeteilte Bewunderung. Sie durfte schöne Kostüme tragen, durfte sich auf dem Diwan rekeln, durfte erfahren, wie Balthus ihre Haare sorgsam arrangierte, ihren Kopf, ihre Schenkel zurechtrückte – und dann ein Foto nach dem nächsten schoss. Alles für die Kunst, versteht sich. Balthus studierte Anna für seine Gemälde.

Erst hatte er noch gezeichnet, doch weil er alt war, weit über 80, konnte er den Stift nicht mehr recht halten und bediente sich der Kamera. Über 2400 Polaroids hinterließ Balthus, der vor zwölf Jahren starb. Lauter begehrende Bilder von der pubertierenden Anna, halb nackt, oft mit entblößter Brust. Bilder, entstanden in den 1990er Jahren, die nun erstmals vor den Augen aller ausgebreitet werden. Anna hat ihre Zustimmung gegeben. Manche wittern bereits ein großes Geschäft.

Im Metropolitan Museum in New York läuft gerade eine viel diskutierte Balthus-Schau. Parallel dazu bietet die Galerie Gagosian etliche der Polaroids zum Verkauf an, quasi als Souvenir für Aficionados: sorgfältig gerahmt, das Stück für mindestens 20.000 Dollar. Zugleich erscheint nun ein kostbar gedruckter Fotoband im Steidl Verlag. Und für April ist eine umfassende Ausstellung der Bilder im Essener Museum Folkwang geplant. Zu besichtigen ist Anna: erst Lustobjekt des greisen Malers, jetzt Schauobjekt der gaffenden Menge.

Auch auf seinen Gemälden pflegte Balthus eine unverhohlene Liebe zu frühreifen Mädchen, er malte sie in lasziven Posen, die Unterhosen strahlend weiß. Allerdings erscheinen sie oft ins Allegorische oder Surreale entrückt, sie werden künstlerisch überhöht. Hier aber, auf den Polaroids, wird die Lüsternheit unmittelbar. Sie erscheinen als Dokumente einer pädophilen Gier. Und so fordern manche Kinderschützer, die Bilder wegzuschließen. Ihr Vorwurf: Fotos wie diese verwandelten Verbrechen in Verlockung. Sie gehörten ins Depot oder besser: gleich in den Orkus.

In England scheinen sie sich mit ihrer Forderung bereits durchzusetzen. Dort wurde vor einigen Monaten der Maler und Fotograf Graham Ovenden wegen des Missbrauchs mehrerer Mädchen verurteilt. Ovenden ist in England ein bekannter Künstler, er wird von vielen Kollegen geschätzt, von David Hockney zum Beispiel, und auch Museen wie das Victoria & Albert konnten sich für seine Werke begeistern. Die Tate Gallery besitzt gleich 34 der Ovenden-Bilder, fast alle zeigen sie nackte Kinder in anzüglichen Posen – und also schien es folgerichtig, sie nach der Verurteilung des Künstlers wegzusperren. Selbst auf der Internetseite der Tate: nur noch Bildtitel ohne Bild.

Mit einem Mal gilt als Tabu, was über Jahre kaum jemanden störte. Seitdem es aber manche Fluggesellschaften verbieten, dass allein reisende Kinder neben einem männlichen Fluggast sitzen, denn es könnte ja jederzeit zu Übergriffen kommen; seitdem es den Nikoläusen in Zürich untersagt ist, ein Kind auf den Schoß zu nehmen, um jedem Verdacht vorzubeugen; seitdem also der Missbrauch überall zu lauern scheint, geraten auch die Museen unter verschärfte Beobachtung. Und wer nur richtig sucht, dem erscheint die Kunstgeschichte leicht als eine Geschichte der Pädophilie.