Kann man noch für Paul Gauguin schwärmen, wenn man weiß, dass er eine 13-Jährige zur Heirat verführte? Was ist mit Alexej Jawlensky, der eine 14-Jährige schwängerte? Und was macht man mit Lewis Carrol, der mit seiner Kamera immer wieder nackten Mädchen auf den Leib rückte und, darauf deutet manches hin, der elfjährigen Alice ein ganz eigenes Wunderland bereiten wollte?
Bislang sind die meisten Museen großzügig über vieles hinweggegangen. So sei es halt damals gewesen, und irgendwie gehörte es zum Künstler dazu: anders zu sein, unersättlich, die gutbürgerliche Ordnung ignorierend. So sahen es auch etliche Maler der berühmten Brücke-Gruppe, die mit ihren Mädchen an die Moritzburger Seen zogen, um sie dort zu malen, nackt natürlich, nicht selten mit weit gespreizten Beinen. "Es liegt ein großer Reiz in einem solchen reinen Weibe", schrieb damals der Maler Kirchner an den Maler Heckel. Ihr Modell, das sie Fränzi riefen, war gerade mal acht, als es das erste Mal hinausging an die Seen. Die Kunst war frei – und alles andere Freiwild.
Das sei "nach heutigen Definitionen eindeutig als Missbrauch zu bewerten", sagt Felix Krämer, der am Städel Museum in Frankfurt als Kurator arbeitet. Er zeigte vor einigen Jahren eine große Kirchner-Ausstellung, verzichtete aber auf die besonders drastischen Motive. "Ich wollte keine begehrlichen Blicke auf ein kindliches Geschlecht." – War das Zensur? Oder legitime Unterbindung?
Immer wieder sind in der Kunstgeschichte nackte Jungen und Mädchen gezeigt worden, und wenn man mit dem Aussortieren erst einmal anfängt, wird es schwer, eine Grenze zu ziehen. Denn wo beginnt das Drastische, wo das Begehren? Kann man Caravaggios Lustknaben noch zeigen, wo es doch so viele Gerüchte gibt, wie sehr er sie liebte? Und Donatellos holder Jüngling, sein David – ist da nicht sehr viel Erotik im künstlerischen Spiel? Käme heute ein Künstler auf die Idee, solche Nacktskulpturen eines Heranwachsenden in die Welt zu setzen, die erregten Proteste wären ihm sicher.
Nun würde niemand behaupten, damit sei die künstlerische Freiheit bedroht. Weiterhin darf jeder malen und schreiben, was er möchte. Dennoch wirkt diese Freiheit seltsam überschattet, wenn in Fällen wie dem des Graham Ovenden die Wohlanständigkeit des Künstlers darüber entscheidet, ob seine Bilder ausgestellt werden dürfen. Als gebe es eine Sittenpolizei, die im Reich der Bilder patrouilliert, damit bloß nichts Unlauteres geschieht. So wird kriminalisiert, was nicht kriminell sein kann: die autonome Kunst, die nur sich selbst und keinem anderen Zweck gehorcht.
Bislang geht in der Debatte um die Maler und den Kindesmissbrauch vieles durcheinander, das man nach Kräften auseinanderhalten sollte. Erstens die Frage: Was darf der Künstler? Er darf alles denken, alles zeigen, solange es allein auf seine Fantasie zurückgeht. Zweite Frage: Was passiert, wenn er zum Verbrecher wird? Wenn er nicht nur im Raum der Kunst, sondern auch in der Wirklichkeit die geltenden Gesetze und Regeln verletzt? Dann muss er sich vor Gericht verantworten. Drittens: Was bedeutet das für seine Kunst? Erst einmal gar nichts, denn die Bilder sind ja immer noch dieselben. Sie dürfen weiterhin das Recht auf Kunstfreiheit beanspruchen. Wie aber werden sie – viertens – nun angesehen? Wenn ein Künstler die Motive seiner Kunst nicht klar abgrenzt von seinen Taten in der Realwelt, kann er kaum vom Publikum erwarten, das eine vom anderen zu trennen. Weil also die Brücke-Maler bewusst die Grenze zwischen Leben und Malerei auflösen wollten, wird man die Unerschrockenheit ihrer Ästhetik nicht bewundern können, ohne zugleich auch ihren Missbrauch der Kindermodelle in den Blick zu nehmen.
Was das fünftens für Museen, Galerien, Buchverlage bedeutet? Wer Bilder zeigt, wer sie publiziert, der schenkt ihnen Anerkennung. Und wer sie wie im Falle der Balthus-Polaroids teuer verkauft, macht sie zum Fetisch. Doch dass die Bilder deshalb gefährlich wären, gar zum Missbrauch anstifteten, scheint abwegig. In Zeiten des Internets bedarf kein Kinderschänder der Kunst, um sich stimuliert zu fühlen.
Nein, man darf die Balthus-Fotos zeigen. Doch ob man sie unbedingt zeigen muss, bleibt fraglich. Denn handelt es sich wirklich um bedeutende Kunst? Auch wenn die Galerie sie jetzt wie eigenständige Werke präsentiert, tragen sie keine Signatur. Und ob es wirklich alles Vorstudien waren, darf man bezweifeln, denn so lässt sich die Masse der Bilder kaum erklären. "Da kann schon der Verdacht aufkommen, dass sich ein Greis einfach aufgeilen wollte", sagt Gerhard Steidl, der den Katalog verlegt. Dennoch habe er keine Sekunde gezögert, die Polaroids zu veröffentlichen. Ihn hätten die Farbvaleurs dieser Bilder begeistert, die man als "Stimmungsbilder für ein späteres Ölbild" verstehen könne. "Ob es sich dabei um Kunst handelt, soll entscheiden, wer will."
Gerade darauf aber kommt es an. Balthus hat sich diese Bilder nicht einfach ausgedacht, er hat Anna, ein reales Mädchen, auf seinem Diwan so lange zurechtgerückt, bis sie dalag wie eine Maya von Francisco Goya. Er betrieb die Sexualisierung des Kindes, ohne diese Bilder je veröffentlichen zu wollen. Dennoch werden sie jetzt öffentlich gemacht, ein staatlich finanziertes Museum, das Folkwang, gibt sich dafür her. Vielleicht wittert man den Skandal und will davon profitieren. Vielleicht will man verdienen am allgemeinen Voyeurismus. Die Farbvaleurs allein jedenfalls werden es kaum sein. Sie können die museale Ausbeutung des Mädchens Anna nicht rechtfertigen.
Kommentare
Diese Verwertung seniler „Geilheit“ ist das Perverse
man stellt aus, was einem Malertattergreis eingefallen ist, aber nicht zur Veröffentlichung gedacht war.
Es ist bekannt, daß sehr alte Leute sich am Ende ihres Lebens an Kindheitstage erinnern und sich Phantasmen hingeben. Jede/r, der einmal in einem Altersheim oder mit sehr alten Leuten gearbeitet hat, kennt dieses neuronale Phänomen versagender Kurzzeitgedächtnisse und idealisierter Kindheitserinnerungen, die in diesen Köpfen zu spuken beginnen, wenn die Physis schwächelt.
Es ist auch so: sehr alte Menschen sind oft wie kleine Kinder und flüchten sich vor dem Unausweichlichen in Gedankenwelten, die mit der selbst erlebten Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. So scheint es auch beim Balthus.
Was hat der greise Mann noch zu verlieren und was noch zu erfahren?
Nichts.
Er realisiert die Phantasie eines kleinen Jungens gegenüber einem jungen Mädchen, die kleine Jungen gar nicht haben, weil ihr Begehren und ihre Verstandesreife noch gar nicht so weit ist.
Daran ist nichts Künstlerisches. Es ist nur der Ausweis einer Senilität, die sich in vermeintlich künstlerische Imagination flüchtet, aus Angst vor dem Tod, dem Endgültigen, dem doch die Kunst als vermeintlich Überzeitliche einen Ausgang versprochen hat.
Den es nicht gibt. Ersatzweise braucht es kleine Mädchen oder auch Jungs, als Symbole eines Ansinnens, das uns heute schier unerträglich erscheint, weil diese so unschuldig nackt sind, wie der tote Balthus unter´m Leichentuch.
Zeigt nackte Tote, nicht Kinder!
gestriger schnee ;-)
http://www.artflakes.com/...
http://www.ohnegottistall...
http://www.spiegel.de/kul...
Bei dieser ganzen Diskussion um die Pädophilie...
... ob nun hier in der Kunstwelt oder der Vergleich zwischen Pädophilie und Prostitution erscheint es mir, dass dieses Thema selbst gerade mißbraucht wird und als Zugpferd für seine Zwecke einspannt und damit instrumentalisiert wird.
Es ist für mich sehr fraglich, ob dies denen hilft, die in ihrer Kindheit verstörende Erlebnisse durchlaufen haben und heute noch darunter leiden oder den jetzigen Kinderopfern hilft.
Wem diese Diskussion aber ganz besonders hilft, sind den Verlagen, den Ausstellern, denen, die sich dadurch ins Rampenlicht setzen wollen. Das würde bedeuten, dass wiederum Kinder, hier nun das Leid der Kinder, für Gewinn- oder Selbstdarstellungszwecke mißbraucht werden.
Zeitgeist
Es ist schon erstaunlich, wie der Zeitgeist sich ändert,
wie die Moral von einem Jahrzehnt aufs andere und
von einer Region zur anderen wechselt.
Vor nicht allzu langer Zeit waren Onanie und
Homosexualität verpönt, sogar verboten, und jetzt
findet niemand etwas dabei, es gibt sogar
die Homo-Ehe.
Hier sind die Ansichten freier geworden, im Bereich
der Pädophilie sind sie dagegen prüder, restriktiver
geworden.
[...]
Tatsache ist, daß Mädchen mit 14 oder sogar 13 Jahren
voll geschlechtsreif sind und gesunde Kinder gebären
können. Daß man(n) diese (und jüngere) Mädchen
schön findet und in Kunstwerken darstellt, ist also
ganz natürlich. Wenn den Mädchen dafür keine
Gewalt angetan wird, wem sollen diese Kunstwerke
dann schaden und was spricht gegen ihre Ausstellung?
" ... ein staatlich finanziertes Museum ... gibt sich dafür her.
Vielleicht wittert man den Skandal und will davon profitieren.
... museale Ausbeutung des Mädchens Anna ..."
- Diese Argumente sind auf einem ähnlichen Niveau
wie die, mit denen früher Homosexualität verteufelt wurde.
Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema und verzichten Sie auf relativierende Äußerungen. Die Redaktion/au
Eine Achtjährige ist (im Normalfall) nicht geschlechtsreif,
und wäre vermutlich auch gar nicht in der Lage, ein Kind zur Welt zu bringen - es würde sie eher umbringen. Daher war Maria sicherlich keine acht Jahre alt und kann man einen Mann, der eine Achtjährige "heiratet" und die Ehe vollzieht, einen Pädosexuellen nennen. Gerade die fehlende Geschlechtsreife macht in diesem Fall die Attraktivität aus - und mir schwant, das ist Ihnen durchaus bewusst.
Nüchterne Analyse
Genau so stelle ich mir eine nüchterne Analyse zu diesem Thema vor.
Die abschließende Feststellung "Nein, man darf die Balthus-Fotos zeigen. Doch ob man sie unbedingt zeigen muss, bleibt fraglich." bringt es meines Erachtens gut auf den Punkt. Soviel Freiheit und Ehrlichkeit sollte eine aufgeklärte Gesellschaft aushalten.
Wo bleiben die Opfer
Nein, dies ist alles andere als eine nüchterne Analyse. Kein einziger Gedanke wird an die Opfer, äh Pardon, Bildmotive verwendet. Für mich ist es vom Argumentatinsmuster her eine Fürrede für die Freigabe von pädophiler Kunst (die unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit daherkommt).
Zu einer nüchternen Analyse gehört nämlich, dass man ergründet, wie man Kinder dazu bringt, dass sie bei solchen Posen (teils über Jahre) mitmachen, wie sich dies auf ihre Psyche auswirkt, welche Spätfolgen es für die Kinder hat und ob es nicht beim Bildermachen alleine blieb, sondern die 'Künstler' noch weitere Übergriffe vollzogen.
Ich denke (ohne Psychologin oder Kinderärztin zu sein), dass man Kinder nur mit einem gewissen Druck dazu bringt, mit gespreizen Beinen vor einem Erwachsenen zu posieren. Ich kann mir vorstellen, dass viele der Opfer, äh Pardon, Modelle, aus Elternhäusern kamen, in denen nicht viel Liebe vermittelt worden ist. Solche Kinder gieren geradezu nach Zuwendung, die von den genannten Pädophilen, äh Künslern, schändlich ausgenutzt worden ist.
Es mag ja sein, dass früher andere Moralvorstellungen gegolten haben, aber wir leben (glücklicherweise) im 21. Jahrhundert, wo die physische und psychische Integrität von Kindern ein Wert darstellt, den es zu schützen gilt. Solche Bilder gehören darum keinesfalls in die Öffentlichkeit oder an private Sammler verkauft, sondern weggesperrt oder gar vernichtet. Sie dienen nämlich Pädophilen durchaus als Vorlage.