Heiligendamm? War da nicht mal der G-8-Gipfel? Richtig, 2007, auch schon wieder sechs Jahre her. Merkel, Bush und Putin auf der Seebrücke bei strahlendem Sonnenschein, Proteste von Gipfelgegnern vor dem eigens errichteten Grenzzaun. Acht Regierungschefs im längsten Strandkorb der Welt. Das Treffen war der Höhepunkt in der jüngeren Geschichte dieses kleinen Seebads westlich von Rostock.

Heiligendamm im November 2013. Jetzt hängen dunkle Wolken über der Ostsee. Der Wind peitscht mittelhohe Wellen an den Strand. Deutschlands ältestes Seebad ist gerade 220 Jahre alt geworden. Auf der Meerseite stehen mobile Wände aus Aluminium, die die Gebäude vor den Winterfluten schützen sollen. Die deutlich größere Gefahr jedoch lauert an Land: Bald wird sich entscheiden, ob der Ort mit seiner großen Vergangenheit auch eine Zukunft hat. Denn Heiligendamm ist nicht einfach nur ein Grandhotel. Es ist ein Politikum.

Paul Morzynski, offenes Sakko, Schal statt Schlips, eilt über das Hotelgelände, im Severin-Palais die Treppe hoch, sein Handy immer in der Hand. Im Sommer hat der 63-jährige Wirtschaftsprüfer aus Hannover das Luxusresort übernommen. 26 Millionen Euro hat ihn das gekostet. Ein Schnäppchen, weiß Morzynski. Er hat ein Faible für antiquierte Bauten, die es zu retten gilt. Seit gut 20 Jahren gehört ihm auch Halloren in Halle, Deutschlands älteste Schokoladenfabrik.

Damals wie heute kam er eher unbeabsichtigt an seine Investition. Morzynski ist weder Chocolatier noch Hotelier. Er kann Dinge regeln, weshalb er jetzt fast jedes Wochenende in Heiligendamm verbringt. "Immer in einem anderen Zimmer, damit ich das Haus kennenlerne", sagt er.

Er nimmt die Treppe zur Dachterrasse. Von oben hat man den Rundblick über das Ensemble – Grandhotel, Kurhaus, Orangerie, Burg Hohenzollern, Haus Mecklenburg und natürlich Wald, Strand und die See. "Stellen Sie sich jetzt noch blauen Himmel vor und Strandkörbe! Ist das nicht herrlich?", fragt Morzynski. Er ist ein Mann, der im Osten etwas wagt. Aber das Wagnis, das er diesmal eingegangen ist, ist groß.

Morzynski will das Grandhotel bis 2015 in die schwarzen Zahlen bringen. Es wäre das erste Mal; seit seiner Gründung im Jahr 1793 warf das Hotel fast nie Gewinn ab. Morzynski ist das egal. Die Kosten – Mitarbeiter, Ware, Energie – seien kalkulierbar. "Man muss nur gucken, wie man Leben hier reinkriegt", sagt er. Erst einmal will er das Ensemble renovieren und erweitern. Rund zehn Millionen Euro wird das kosten. Das Luxushotel wurde 2003 frisch saniert wiedereröffnet, es war seitdem nur schwach ausgelastet, aber es sieht schon wieder recht abgenutzt aus. Zertretene Teppiche, abgeplatzte Kanten, alte Technik. "Kommt alles raus", sagt der Neueigentümer. "Den Stil behalten wir natürlich bei." Der Stil, das sind hohe, weiß getünchte Räume, Marmorbäder, edle Polster und Flügelfenster zum Meer.

Mehrfach war das Seebad pleite und wurde weitergereicht

Die Luft schmeckt salzig, es riecht nach Seetang und ein bisschen auch nach Sommer, selbst jetzt, im späten Herbst. "Weiße Stadt am Meer" wurde Heiligendamm genannt, nachdem der Mecklenburger Herzog Friedrich Franz I. hier 1793 auf Anraten seines Leibarztes das Seebad hatte gründen lassen. Die Ostsee, hatte der Leibarzt empfohlen, habe heilsame Wirkung für "sehr viele Schwachheiten und Kränklichkeiten des Körpers". Bis heute steht am Giebel des Kurhauses sein Rezept: Heic te Laetitia Invitat post balnea Sanum – "Hier empfängt dich nach einem gesunden Bad die Freude". Die Eleganz des Ortes sprach sich herum, Königin Luise, die Kaiser- und sogar die Zarenfamilie sollen hier zur Sommerfrische geweilt haben. Ende des 19. Jahrhunderts verkaufte der Hof das Bad an einen Investor, der es um die heute charakteristischen vierstöckigen, weißen Villen erweiterte.

Trotzdem war das Seebad bald pleite, es wurde mehrfach weitergereicht. Die Nazis nutzten es als Lazarett, in der DDR zogen eine Kunsthochschule und ein Kinderferienlager ein. Nach der Wiedervereinigung regierte der Verfall, bis der Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld, der bereits das Adlon in Berlin wiedererrichtet hatte, das Gelände 1996 für 18 Millionen Mark von der Bundesrepublik kaufte und binnen sieben Jahren für 260 Millionen Euro, davon gut 50 Millionen Euro Fördermittel, wieder aufbaute. Paul Morzynski verfolgte die Entwicklung. "Ich habe schon damals gedacht: Das geht nicht gut, diese Investition rentiert sich nie." Morzynski kennt sich aus mit Finanzen, seine Kanzlei berät etwa einen großen Reisekonzern, sein Spezialgebiet ist die Sanierung von Unternehmen. So kam er 1990 in den Osten, begleitete im Treuhand-Auftrag zahlreiche Privatisierungen, ließ viele Immobilien renovieren und wurde damit reich. Er übernahm einen Hersteller für Rostschutzmittel in Eisleben, der inzwischen wieder verkauft ist.

1992 kam die Treuhand abermals auf Morzynski zu. Halloren, ein Sorgenfall, müsse wohl liquidiert werden – aber wollen Sie sich’s nicht mal anschauen? Morzynski fuhr nach Halle und erschrak. Der Betrieb war eine Ruine, der Name Halloren aber eine Marke, die Firma selbst hat eine große Tradition. "Wenn das nicht erfolgreich wird, kann ich im Osten einpacken", habe er gedacht, sagt Morzynski. Er kaufte für 400.000 Mark, dafür verlangte die Treuhand 14 Millionen Mark Investitionen und den Erhalt von 120 Arbeitsplätzen.

Morzynski hatte weder von Produktion noch von Pralinen viel Ahnung. Er holte Fachleute nach Halle, kaufte Anlagen, sanierte die Gebäude – erst ohne Erfolg. DDR-Marken waren kein Renner. "Alle haben nur Mars, Mon Cheri und Hanuta gegessen", sagt er. Doch er hatte Glück, weil bald die erste Ostalgiewelle anrollte, die Leute griffen plötzlich wieder zu Rotkäppchen-Sekt und Spee und Halloren-Kugeln, dieser 1952 erfundenen Volkspraline, halb Sahne, halb Kakao.